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Brexit, Baby

Was war das für ein Geschrei als 1966 die Beatles zur BRAVO-Beatles-Blitztournee nach München, Essen, Hamburg kamen. Wer es vorher noch nicht begriffen hatte, der wusste spätestens jetzt: der Tommy hat nicht nur die Wehrmacht besiegt, er steht auch kulturell auf einer ganz anderen Stufe. Das ging die nächsten 50 Jahre so weiter: Deutschland hat vielleicht seine Autos auf die Insel verschifft, aber wer bitteschön interessiert sich für deutsche Nachkriegskultur? Natürlich gibt es rühmliche Ausnahmen, Joseph Beuys z.B. oder die Neue Deutsche Welle. Aber diese kulturellen Leistungen gehen im Vergleich zu der Masse an Pop-Songs, Filmen und Fernsehserien die Großbritannien stetig geliefert hat vollkommen unter.

Wer möchte nicht mit solchen Leuten im Verein sein? Die Briten sind einfach viel cooler, da kann der Deutsche Michel noch so viele Biere in sich reinschütten um endlich einmal abzulockern. Und diese Briten zeigen jetzt unter anderem den Deutschen den Finger. Natürlich ist Deutschland, sich in Wahrheit für die schöpferische Krone Europas haltend, schockiert, beleidigt und tief gekränkt. Das sagen die Deutschen zum Brexit:

  • Nur die Alten und Dummen haben für den Brexit gestimmt
  • Die Briten haben damit ihren eigenen Untergang eingeleitet
  • Die möglichen Folgen eines Brexit realisieren die Briten jetzt erst
  • Wahrscheinlich hat der Brite jetzt Schiss und beantragt den Austritt gar nicht, sogar Boris Johnson kriegt kalte Füße
  • Großbritannien vertraut auf eine nicht mehr vorhandene Special Relation mit den USA
  • Der EU geht es ohne Großbritannien besser, die Briten waren eh nicht mit dem Herzen dabei und haben nur genervt
  • Schottland wird jetzt unabhängig und dann EU-Mitglied, vielleicht sogar noch andere Teile von Großbritannien und dann ist es kein Groß-Britannien mehr

Und so weiter. Alles irrationale Spekulationen, die nur Zeugnis des Deutschen Liebeskummers sind – der natürlich nicht zugegeben wird. Stattdessen wird gesagt man sei natürlich sehr traurig über den Brexit, weil die EU doch so toll für alle funktioniere und weil der Brexit wirtschaftliche Nachteile für alle mit sich bringe. Als wenn die wirtschaftlichen Implikationen (die jede Richtung haben können) wirklich interessiere. Ob es der EU mit oder ohne Großbritannien wirtschaftlich besser geht wird man nie erfahren. Aber dass der Brexit ein enormer Coolness-Verlust für EU ist, liegt auf der Hand.

Warum ich (inzwischen) für den Brexit bin

Brexit

Original Wahlzettel des UK Referendums. Logik: David Cameron

Übermorgen ist es so weit, ich bin schon gespannt. Ungefähr so gespannt, wie auf den Inhalt des Abschiedsbriefs, den die Geliebte auf dem Küchentisch hinterlassen hat. Und ungefähr so schön kann das Referendum auch werden. Steht im Brief, dass die Süße einen Neuen hat oder einfach nichts mehr empfindet, dann weiß ich wenigstens Bescheid. Steht darin „bin einkaufen, gleich zurück, Küsschen“ dann war alles nur ein Missverständnis. Steht aber darin, dass ich eigentlich toll bin aber es momentan einfach irgendwie nicht geht, dann ist das für mich ein ganz schlechte Ausgangslage – die Süße aber hat sich alles offen gehalten.

Ich befürchte, das Referendum geht genau so aus. 50.01% stimmen für „remain“. Aber auch wenn 60% für „remain“ stimmen: der Schaden ist bereits angerichtet, eine Trennung jederzeit möglich. So eine Beziehung möchte ich nicht.

Erfolgt jedoch ein Brexit, dann weiß man wenigstens Bescheid. Schon die Möglichkeit des Referendums hat den Geist der EU schwer ramponiert. Der Ausstieg eines wichtigen EU Partners bedeutet wahrscheinlich das Ende der EU, das hat mit dem Verlust von Vertrauen und partnerschaftlichem Gefühl zu tun.

Ein Brexit ist also für alle Beteiligten die bessere Option. Entweder die verbliebenen Staaten schaffen es tatsächlich, ohne die eher zermürbende („Sonderrabatt“) Mitgliedschaft Großbritanniens eine bessere EU aufzubauen, oder UK lebt vor, wie schön eine Trennung ist, und das führt zur politischen Entmachtung oder Auflösung der EU. Beides besser, als die Fortsetzung einer Beziehung ohne Liebe.

Leave the EU

Deutschland forciert das Scheitern der EU

Wer (wie ich) immer schön tagesschau.de liest und noch ein paar Blogs folgt, der wird sehr wahrscheinlich den folgenden Eindruck haben:

  • Deutschland ist das größte und momentan wirtschaftlich stärkste Land in der EU
  • Deutschland ist gleichzeitig sehr um die EU Partner bemüht, wünscht sich Großbritannien darin, ist hart aber fair zu Griechenland
  • Auch moralisch hält Deutschland einen der vorderen Plätze in der EU, wenn nicht weltweit: Mutti ist lieb zu Flüchtlingen
  • Deutschland gibt der EU viel und bekommt wenig, ist quasi das Bayern Europas

Was liegt da näher, als enttäuscht aus dieser Vereinigung von Loosern und Bösewichten auszusteigen? Noch wird nicht groß darüber diskutiert, aber spätestens wenn sich Großbritannien davon macht, ist die Grundlage für eine statthafte Diskussion über einen Austritt aus (warum nicht gleich Auflösung von) der EU für Deutschland gegeben.

Denn hier ist, was Deutschland in Wirklichkeit unternimmt, seit Mutti Kanzlerin ist:

  • Eine gemeinsame europäische Verteidigungspolitik existiert nicht – auch, weil Deutschland sich moralisch auf das hohe Ross setzt (Libyen).
  • Im Umgang mit Flüchtlingen geht (oder ging) Deutschland ebenfalls einen Sonderweg und ließ andere EU Staaten – unabhängig vielleicht von deren Möglichkeiten – schlecht dastehen
  • Deutschland nutzt zum Beispiel im Fall Griechenland wirtschaftliche Stärke als Machtinstrument
  • Deutschland ist stärker denn je mit nicht-EU Partner verbandelt, auch mit solchen, die Schurkenstaaten genannt werden müssen (Saudi Arabien, USA, Türkei)

Nicht alle Punkte kritisiere ich, die ersten beiden genannten Sonderwege habe ich befürwortet. Aber alle Punkte zeigen, dass Deutschland keinesfalls der Musterschüler in der EU ist, sondern vielmehr ihr Saboteur – und das hat ganz sicher politisches Programm.

Rauchen ist gesund

Angeblich sterben in der EU jährlich 700.000 Menschen an Tabakgenuss. Aber ich frage: wie viele davon wären sowieso gestorben? Und falls nicht, wie lange hätten sie überhaupt noch gelebt?