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Fall Sarrazin: Sloterdijk fordert Absolution für rechtsabgerutschten Bundesbankvorstand?

Ich kann kaum glauben, was ich bei Exportabel lese: Sloterdijk greift scheinbar voll ins braune Naschkästchen. Das tut mir persönlich sehr weh, da ich seinen oft intelligenten und futuristischen Thesen meist etwas abgewinnen konnte. Häufig kam mir Sloterdijk wie ein Warner vor, der durch geschickte Extrapolation und Neuauslegung scheinbar klarer Verhältnisse zum Nachdenken angeregt hat. Wenn sich jedoch herausstellt, dass Sloterdijk tatsächlich so unethisch spricht wie die Cicero Pressemeldung dies vermuten lässt, dann ist Sloterdijk für mich das Prädikat „Philosoph“ los, und er sinkt herab zum Stande eines mittelmäßiger Fernsehmoderators, in einer Liga zum Beispiel mit Eva Herrmann. Aber gefährlicher.

Ich möchte meine Empörung über die Sarrazin-Thesen begründen. Wer nicht universalisierbare moralische Aussagen verwendet, begibt sich allein damit schon in das Terrain der Ethikagnostiker. Ein Mensch der öffentlichkeitswirksam andere Menschen in bestimmte Gruppen einteilt („Araber“ oder auch indexikalisch wie „nicht deutschstämmig“) um an diese Gruppen negative Attribute zu binden („kaum integrationsfähig“), der wird damit eine potentiell schädliche Wirkung erzielen. Er verstärkt die Gefahr, Vorurteile zu verankern. Ein Mensch jedoch verdient stets eine Betrachtung als Individuum. Er ist nicht verantwortlich für das Verhalten anderer Menschen aus der Personengruppe, der er zugeordnet wurde. Vorurteile können konkrete Nachteile ergeben (Vermieter akzeptiert keine türkischen Mieter mehr) und erzeugen Kränkungen (gerade die „Leistungsträger“ innerhalb der betroffenen Gruppe werden dann vielleicht ihre größeren Möglichkeiten nutzen, um Deutschland den Rücken zu kehren).

Ich habe auch von gebildeten Personen häufig folgende Einwände zu dieser Position gehört.

1) Die Einteilung in Personengruppen eröffnet Handlungsoptionen.

In bestimmten Fällen trifft dies zu. Zum Beispiel macht es Sinn, speziell einer türkischen Person bestimmte Informationen auf Türkisch anzubieten. Es wird also eine Handlungsoption aufgrund der Sprache ergriffen. Bei näherem Hinsehen ist es jedoch tatsächlich unwichtig, dass die Person aus der Türkei stammt. Wichtig ist zu wissen, dass die Person Türkisch und nicht zum Beispiel Armenisch spricht.

Ähnlich unscharf sind die meisten Attributionen, die zum Beispiel aufgrund von Nationalität, Rasse oder Religion getroffen werden. Wenn Sarrazin von „Kopftuchmädchen“ spricht, dann hat dies zunächst mit dem Islam zu tun, die meisten seiner Vorurteile sind eher durch die Religiosität der Personen bedingt, dennoch redet er von Türken, Arabern und Teilen des Balkans. Die Attribution ist also von vornherein falsch, welche Handlungsoptionen schafft sie jedoch? Wie kann der einigermaßen scharf umrissenen Gruppe der „Kopftuchmädchen“ geholfen werden, bzw. wie kann das deutsche Volk vor den Kopftuchmädchen und ihren Eltern beschützt werden? Gratis Baseballkappen? Umerziehungslager für Eltern von Kopftuchmädchen? Sarrazin will Äußerungen des niederen Instinkts gesellschaftsfähig machen, keine Handlungsoptionen erschließen. Sämtliche seiner wenigen Maßnahmenvorschläge könnten nicht auf die von ihm umschriebenen Personengruppen angewendet werden, da es nicht möglich ist, bestimmte Verordnungen zu erlassen, die nur gegenüber diesen Personengruppen gelten. Jedenfalls noch nicht, und um derlei Handlungsoption gar nicht erst wieder aufkommen zu lassen, ist es so wichtig, Sarrazin für seine Äußerungen zu belangen.

2) Die (Vor-)Urteilsbildung dient dazu, ein Verantwortungsgefühl innerhalb der betroffenen Personengruppe zu fördern.

Wenn ich über die legendäre Spießigkeit der Deutschen nachdenke, dann könnte diese These etwas für sich haben. Tatsache aber ist: ich werde an der Spießigkeit der Mitdeutschen nichts ändern können, und meine Apelle werden die mörderischen deutschen Bürokraten eher zu weiteren trotzigen Spießbürgereien veranlassen. Personen ändern sich, nicht Völker. Anreize für Schulleistungen sind sinnvoll, nicht eine Statistik über das Herkunftsland von Schulschwänzern. Es ist moralisch nicht vertretbar, die Einzelperson für statistische Merkmale einer Personengruppe verantwortlich zu machen, wenn diese Einzelperson nicht aus freiem Willen dieser Personengruppe zugehört. Zu den Personengruppen, die Sarrazin umschreibt, kann man sich nicht willentlich bekennen. Etwas schwieriger wird es, wenn die Religionszugehörigkeit in Betracht genommen wird, da diese zumindest teilweise willentlich getroffen wird. Ich bin der Meinung, dass die Religionszugehörigkeit für viele Menschen keine freie Willensentscheidung ist. Ich halte es in jedem Fall für ausgeschlossen, die Religionszugehörigkeit als möglichen Aspekt für eine Kollektivhaftung heranzuziehen.

3) Wenn Universalisierbarkeit von Urteilen gefordert ist, dann sind auch keine positiven Attributionen zulässig.

Es ist tatsächlich weniger problematisch, den Franzosen einen guten Koch zu nennen oder die türkische Gastfreundschaft zu loben. Was nicht schmerzt, wird fast jedem gerecht. Allerdings können auch positive Attribute eine Bürde für den Einzelnen darstellen. Ein weniger begabter osteuropäischer Jude wird vielleicht unangenehm von Sarrazins Feststellung berührt, dass der IQ der osteuropäischen Juden im Durchschnitt 15 Punkte über dem von Deutschen liegt.

Ich hoffe ich konnte herausstellen, warum ich die Attribution von Volks- und Religionsgruppen für sehr ungenau, schädlich und dumm halte.