Archiv der Kategorie: Ethik

Großschreibung des ikonischen hANNES wURST geklaut

Heute ist nichts mehr vor geistigem Diebstahl sicher. Eine sicherlich miese Dire Straits (dt. „Arge Not“) Tributband mit dem total gewitzten Namen „Dire Strats“ (dt. „Schlimme Klampfen“)  hat meine Großschreibung geklaut. That’s the way they do it.

dIRE sTRATS

Ich wurde einmal zu einem Auftritt einer Genesis-Tributband gezwugen – es war schrecklich.

Ich möchte hiermit klarstellen, dass ich keinerlei Verbindung zu dieser Tributband habe. Zwar sind mir die Dire Straits lieb (auch wenn ich seit 25 Jahren nichts mehr von ihnen gehört habe, weil sie bei mir den Sprung ins Digitalalter nicht geschafft haben) aber eine Coverband, die vor größerem Publikum als ungefähr einer Schulklasse spielt und armen Bloggern die Großschreibung klaut geht gar nicht.

Ich habe eine Nationalistenphobie

Wenn ich in einer Kantine oder aus einem benachbarten Büro ein Gespräch über die aktuelle „Flüchtlingsproblematik“ höre, ergreift mich regelmäßig eine Abscheu. „Wir können die ja nicht abschieden, wo die herkommen, wollen die die auch nicht zurück. Darum haben wir die an den Hacken.“ Dies spiegelt nicht etwa das Niveau einer Person ohne Schulausbildung und moralische Orientierung wieder, sondern das von ganz normalen Angestellten mit mittlerem Bildungsniveau. Der Flüchtling, manchmal Asylant, wird als Kollektiv wahrgenommen, als Heuschrecke die in Deutschland einfällt und droht, uns die Haare vom Kopf zu fressen, uns zu beklauen, uns zu missbrauchen und anschließend noch eine Bombe zu legen. Nur folgerichtig, dass die populistischen Parteien in Deutschland daran erinnern, dass man diese Leute an der Grenze auch abknallen kann, wenn sie nicht Folge leisten wollen. Wenn man mit solchen Aussagen auf Stimmenfang gehen kann, dann wirft das ein erschreckendes Licht auf den Wähler.

Nun kann man einwenden, dass diese neue oder neuerdings gehäuft auftretende Form des Nationalismus nichts weiter ist als das begründete Bedürfnis des Einzelnen, seine Interessen zu wahren. Und bei den Interessen steht die Sicherheit weit vorne, weiterhin natürlich der Wohlstand und auch die Kultur. Mit Kultur meinen die Nationalisten natürlich alles, was nicht irgendwie fremd ist. Dass er selber diesen Anspruch hat und ihn aber einem Flüchtling nicht zugesteht, das macht den Nationalisten aus. Wie rechtfertigt der Nationalist diesen Anspruch?

Die nationalistische Einstellung beruht nicht auf moralischen Prinzipien oder einer moralischen Logik, sondern schlicht auf einem Prinzip der Überlegenheit. Individueller Besitzstand ist moralisch weitgehend akzeptiert, allerdings nicht alternativlos, wie schon Kollektivierungen wie Abgaben und Steuern oder die Möglichkeit einer Zwangsenteignung zeigen. Jedenfalls sind die meisten Menschen bereit ihr Auto, ihr Haus und ihr Grundstück vor dem Zugriff Dritter zu schützen und das ist rechtlich gedeckt. Fatalerweise übertragen viele Menschen diesen Besitzanspruch auf das Territorium der Nation, der sie angehören. Man könnte das auf „My car ist my castle, my nation is my car.“ reduzieren, wenn es nicht so traurig wäre.

Wo ist der nationalistische Denkfehler? Der Fehler ist, dass der Nationalist seine Nation mit seinem Besitz verwechselt. Egal, ob er Wohltäter oder Zeit seines Lebens von Unterstützung durch den Staat abhängig ist: der Nationalist pocht auf einen Besitzstand, der ihm moralisch und gesetzlich nicht zusteht. Sein Auto, sein Haus hat er sich vielleicht verdient oder geerbt (wobei ebenfalls das Prinzip des Eigentums durch Erbschaftssteuern gebrochen wird), aber das Territorium seiner Nation und alle öffentlichen Einrichtungen gehören ihm nicht einmal zum kleinsten Teil. Das sieht man schon daran, dass er seine Nationalität nicht veräußern oder einen Teil des staatlichen Besitzes einfordern könnte.

Dennoch spricht der Nationalist gerne von „seinem“ Land und „unserem“ Wohlstand. In Wahrheit jedoch hat auch der Nationalist nur genau die Ansprüche, die der Staat ihm per Gesetz gewährt, und diese Ansprüche gleichen mehr einem Leasingvertrag als einer Besitzurkunde.

Natürlich kann man auch ohne dieses Besitzdenken Nationalist sein und weiterhin ein hartes Vorgehen gegen Flüchtlinge fordern. Aber ich bin überzeugt davon, dass diejenigen, die aufhören die Nation der sie in den Schoss gefallen sind als Quell eines Besitzanspruches zu sehen, auch aufhören werden, eine derart degenerierte Einstellung gegenüber Menschen in Not oder Menschen in einer stark benachteiligten Situation zu pflegen, wie sie momentan immer häufiger zu beobachten ist.

Das Beschneidungsverbot von Köln

Vom lieben Genova (http://exportabel.wordpress.com) erhielt ich heute die Aufforderung „schreib mal was zur beschneidung, damit ich drüber diskutieren kann.“ Ich werde ihm diesen Ball gerne zuspielen.

Zunächst ist es für Interessenten ohne einschlägiges Vorwissen unabdingbar, die folgenden Dokumente zumindest zu überfliegen.

Der umfassende und qualitativ hochwertige Wikipedia Eintrag zum Thema Beschneidung (Vorsicht beim Aufruf am Arbeitsplatz, da Penisvarianten abgebildet sind):

http://de.wikipedia.org/wiki/Zirkumzision

Die  Urteilsbegründung des Landgerichts Köln:

http://adam1cor.files.wordpress.com/2012/06/151-ns-169-11-beschneidung.pdf

Ein paar wichtige Punkte zur Sache, die sich aus diesen Quellen erschließen:

  • Die Geschichte der Beschneidung ist Teil eines uralten und fortlaufenden Kampfes um religiöse, ethische, ästhetische und emanzipatorische Werte… und diese Liste der infrage stehenden Werte ist sicherlich unvollständig.
  • Für die jüdische Religion ist die Beschneidung am achten Tag nach der Geburt religiös identitätsstiftend; durch die Beschneidung wird ein Bund mit Gott eingegangen, das unbeschnittene Kind müsste die Verdammung fürchten. Die Beschneidung kann insofern im Rang mit der christlichen Taufe verglichen werden.
  • Der Islam ist in dieser Hinsicht etwas liberaler, die Beschneidung kann bis zum 13. Lebensjahr – teilweise auch später – stattfinden. Mohammed kam ohne (oder mit einer sehr kurzen) Vorhaut zur Welt – dies ist im Islam ein Erkennungszeichen für Propheten. Jesus – auch im Islam ein Prophet – ist hingegen als Jude beschnitten worden. Was sagt uns das. Wahrscheinlich nichts. Jedenfalls meinte Jesus, man könne von einer Beschneidung absehen und plädierte eher für einen ideellen Bund mit Gott. (Wenn ich mir die persönliche Bemerkung erlauben darf: man sieht einmal mehr, dass Jesus einfach OK ist.)
  • In der jüdischen Geschichte wurde der jüdische Beschneidungsbrauch unter nicht-jüdischen Regierungen häufig verfolgt und teilweise mit dem Tode bestraft. Noch im Sowjetregime wurden jüdische Kinder aus diesem Grunde häufig nicht beschnitten.
  • Es gibt ungefähr genauso viele Berichte und Belege über die ästhetischen, sexuellen, gesundheitlichen … Vorteile der Beschneidung wie es Berichte und Belege über deren Nachteile gibt. Der im Urteil des Landgerichts jedoch besonders bedeutsame Begleitumstand der Beschneidung ist das mögliche Auftreten von Komplikationen, das gerade bei jungen und jüngsten Patienten bestehende  Risiko von Verstümmlungen oder Schlimmerem, das mit der Beschneidung einhergeht.

Zunächst kann festgestellt werden, dass es verwunderlich ist, dass eine uralte Diskussion in Deutschland durch eine niedrige Gerichtsinstanz derart in den Fokus gerät wie dies jetzt geschehen ist. In der Urteilsbegründung selber wird zum Beispiel dieser Text http://www.amazon.de/Sozialad%C3%A4quanz-im-Strafrecht-Zur-Knabenbeschneidung/dp/3428134877 angebracht und verworfen, woraus ersichtlich ist, wie ausführlich die Diskussion auch in jüngerer Zeit geführt wurde. Das Gerichtsurteil selber kann somit nur als ein Ruf nach dem Gesetzgeber interpretiert werden, dessen Aufgabe es ist, in dieser schwierigen moralischen Frage Fakten zu schaffen. Das Gesetzt selber ist – wie in der Urteilsbegründung erkennbar – nicht sehr spezifisch in Hinblick auf die medizinische Vertretbarkeit von Beschneidungen im Speziellen. Da diese Bewertung jedoch offensichtlich sehr wichtig ist, um bei einem alltäglichen Vorgang Rechtssicherheit zu schaffen, muss der Gesetzgeber die unangenehme Aufgabe einer Entscheidung in dieser Sache möglichst bald in Angriff nehmen.

Wie könnte der Gesetzgeber vorgehen? Einige meiner Meinung nach wichtige Argumente möchte ich wieder in Listenform einbringen:

  • Die Komplikationsgefahr der Operation muss medizinisch möglichst genau ermittelt werden. Da ein Verbot einen „Beschneidungstourismus“ oder illegale, medizinisch nicht optimal durchgeführte Beschneidungen zur Folge haben könnte, müssen diese Umstände im Sinne des körperlichen Wohls des Kindes gegengerechnet werden. Da in den USA ca. 65% aller Neugeborenen beschnitten werden, scheint das Risiko meiner vorsichtigen Schätzung nach vertretbar zu sein.
  • Die möglichen seelischen Schäden, das Ausmaß der Verletzung der Selbstbestimmung des Kindes müssen bewertet werden. Allerdings auch umgekehrt die möglichen seelischen Schäden durch eine Nicht-Beschneidung, die insbesondere in der jüdischen Religionsgemeinschaft erheblich zu sein scheint. Das Landgericht bringt weiterhin an: „Diese Veränderung [die Beschneidung] läuft dem Interesse des Kindes später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können zuwider.“ Wieso eigentlich? Kann ein beschnittener Muslim sich etwa nicht zum Atheismus bekennen – bzw. fällt ihm das deswegen schwerer, weil er beschnitten ist? Dieses Argument könnte nur dann gelten, wenn es Religionsgemeinschaften gäbe, die keine beschnittenen Männer akzeptierten. Diese gibt es meines Wissens nach jedoch nicht. Auf solche Begründungskonstruktionen hätte sich das Landgericht nicht einlassen sollen. Dass im Übrigen Eltern ihre Kinder religiös vorprägen, ebenso wie sie ihnen andere keineswegs stets universelle Wertvorstellungen „in die Wiege legen“ ist bekannt, akzeptiert und auch wenn die Selbstbestimmung dieser Kinder natürlich darunter leidet, so muss man diesen Fakt zumindest heute, wo die Erziehung noch nicht von Robotern erledigt wird, hinnehmen.
  • Das Gefährdungspotential der Beschneidung muss auch in Relation zu anderen, legalen Praktiken gesehen werden. Säuglinge werden getauft (Gefahr: Lungenentzündung), Kleinkindern werden Ohrlöcher
    geschossen, unnötige Verkehrsgefährdungen von Kindern werden andauernd hingenommen, eine gesunde Ernährung ist nicht in vielen Haushalten gewährleistet. Deutsche Kinder müssen reiten, klettern, schwimmen, skifahren, sich beim Ballett dehnen, beim Hochleistungssport ihre Gesundheit ruinieren. Einige Jahre später – spätestens mit 16 – ballern sie sich dann so mit Alkohol voll, dass das Beschwören der Gefahren der Beschneidung der traditionellen jüdischen oder islamischen Familie wie eine Groteske vorkommen muss.
  • Andererseits muss die Beschneidung auch klar von Praktiken abgegrenzt werden, die aus gutem Grund verboten sind. Dazu gehört die Beschneidung der weiblichen Genitalien, die in der gesamten EU verboten ist. Der Unterschied zur Zirkumzision liegt in den wesentlich schwerwiegenderen körperlichen und seelischen Folgen der Mädchenbeschneidung. Nur eine genaue medizinische Evaluierung kann klären, wie bedeutend diese Unterschiede wirklich sind. Auch die weibliche Beschneidung ist in einigen zentralafrikanischen Staaten gelebte Praxis, wir können sie in Deutschland dennoch ächten (das gilt natürlich erst recht für Praktiken wie das Transfusionsverbot  oder gar Ehrenmorde, auch wenn eine gewissen Sozialadäquanz auch bei diesen Praktiken gegeben ist). Dass es eine nicht eindeutige Linie zwischen der weiblichen Beschneidung und der Zirkumzision gibt – ich kann zumindest keinen kategorischen Unterschied erkennen, auch wenn ich die unterschiedlichen Auswirkungen für bedeutsam halte, zeigt, dass bei aktueller Gesetzeslage kein Gericht in dieser Frage ein einfaches Urteil fällen kann.

In der Summe stelle ich mich gegen eine Strafverfolgung der Beschneidung. Die Urteilsbegründung des Landgerichts Köln kann mich nicht überzeugen. Eine Gesetzesinitiative ist zur Klärung dringend notwendig. Wenn das Ergebnis wäre, dass Beschneidungen in Deutschland nur noch mit medizinischer Indikation erlaubt sind, dann könnte ich das tolerieren. Ich meine jedoch, dies wäre der falsche Weg. Vielleicht ist es insgesamt wünschenswert, wenn körperliche Eingriffe dieser Art bei Kindern so weit wie möglich unterbleiben. Aber die Initiative dazu sollte meiner Meinung nach von denen kommen, die mit der Beschneidungspraxis zu tun haben.

Ich bitte um Entschuldigung dafür, dass dieser Artikel so elend lang geworden ist, aber es war ja eine Auftragsarbeit.

NATO mordet munter weiter

Die NATO gibt fast täglich bekannt, dass „Kontroll- und Kommandozentren“ in Tripolis bombardiert werden. Das interessiert hier kein Schwein mehr, lediglich dass jetzt vermutlich Gadaffis zweitjüngster Sohn samt Ehefrau und drei Kindern bei einem solchen „Präzisionsangriff“ getötet wurden, ist noch eine Meldung wert. SPON und die üblichen Propagandisten berichten dann zunächst, als was für ein schlimmer Finger Saif al-Arab sich in seiner Studienzeit in Deutschland herausgestellt hat, was ihn wohl irgendwie in die Ecke von „Chemical Ali“ stellen soll.

Man muss schon tief in Richtung Ostnostalgie gehen, um einige kontrastierende Standpunkte zum aktuellen Meinungsbrei bezüglich der „Revolutionen“ in der moslemischen Welt aufzuschnappen. Eine gute Chronik der letzten NATO-Schlichtungsbemühungen findet sich im unteren Teil dieses Artikels im „Neuen Deutschland“. Über Hinweise zu weiteren ernzunehmenden Berichterstattungen jenseits von Bild und Spiegel würde ich mich im Kommentarteil sehr freuen.

Noch herrscht die einhellige Meinung, dass ein ähnliches militärisches Vorgehen wie gegen Libyen in Syrien zu riskant wäre. Wenn ich mir jedoch die „Wikileaks“ Berichte ansehen, dann frage ich mich, welche Intervention für die USA und ihre Verbündeten überhaupt zu riskant oder zu hirnlos sein könnte. Für Deutschland sehe ich als inzwischen einzigen moralischen Weg den Ausstieg aus allen vorhandenen militärischen Allianzen und der Einnahme eines weitgehend neutralen Standpunkts nach Schweizer Vorbild.

Die „Koalition der Willigen“: Kriegstreiber, Opportunisten, Schwafeltanten

Die Wahrnehmung der grausamen Luftangriffe der „Koalition der Willigen“ ist seltsam verzerrt. Seit Wochen bemühen sich die Medien, den militärischen Konflikt in Lybien zu schüren. Auf niedrigstem Niveau übt sich zum Beispiel der Spiegel, der sich gerade so vehement gegen das einseitige politische Wirken der Springer-Presse gestellt hat. Die Aussagen der „Rebellen“ werden bei jeder Möglichkeit zitiert, die Opfer des Regimes finden kaum Erwähnung. Auf Fotostrecken sieht man fröhliche Rebellen inmitten zerstörter Gaddafi-Konvois und Leichenteilen der Armeekämpfer.

Dass es in Libyen einzig und allein und noch eindeutiger als im Irak um die möglichst reibungslose Verwendung der Bodenschätze des Landes geht, und dass die Luftangriffe erst unternommen wurden, nachdem die Unterhändler der willigen Koalitionäre genug Zeit hatten, Bedingungen für den Handel mit einem Libyen nach Gaddafi zu stecken, interessiert kaum jemanden. Selbstverständlich werden die Staaten, die jetzt Bomben auf das Land werfen, von den dann erstarkten Stammesführern privilegierten Zugriff auf die libyschen Ölvorkommen erhalten.

Libyens Luftabwehr haben die „Willigen“ inzwischen ausgeschaltet, allerdings kann diese Luftabwehr nicht sehr effizient gewesen sein, denn von einem Abschuss der „Willigen“ ist nicht die Rede, lediglich eine Maschine ging mit Motorschaden zu Boden. Die fröhlichen Rebellen, die gerne mit dem Taxi zu Front fahren, retteten die „willigen“ Piloten. Von einem Abschuss eines Regime-Kampfflugzeug wurde ebenfalls nicht berichtet. Der Auftrag der Überwachung einer „Flugverbotszone“ gerät damit vollends zur Farce.

Die Politik macht ebenfalls einen insgesamt stark überforderten Eindruck. Die Regierung handelt einigermaßen besonnen, aber es dauert nicht lange, bis die Schwafeltanten der Nation versuchen, ein bisschen Profit aus der Situation zu ziehen. Mit besonders erbärmlicher Taktiererei tun sich die Grünen hervor. Die gelegentlichen sachlichen Stimmen, wie hier die von Frank-Walter Steinmeier, gehen mit dem Gaddafi-Regime unter.

Zunächst unterstützten die Grünen – wie alle anderen im Bundestag vertretenen Parteien – diese Position, doch dann distanzierte sich ihr Vorsitzender Cem Özdemir. Inzwischen ist die Parteiführung auf seinen Kurs eingeschwenkt, auch in der SPD rumort es in der Libyen-Frage. Nur die Linke bleibt standhaft bei ihrem Nein zum militärischen Einsatz, bei Union und FDP gibt es ebenfalls Kritik am Kurs der Koalition.
[…]
Immerhin seien die Führungsstrukturen der Rebellen von ehemaligen Nutznießern und Funktionären des Gaddafi-Regimes durchsetzt, erklärte der Ex-Außenminister [Frank-Walter Steinmeier]. Mit Blick auf Sarkozys Rolle in der Libyen-Frage fügte er hinzu: „Ich habe selten einen Militäreinsatz gesehen, der so prekär und riskant ist, und so von innenpolitischen Motiven getrieben ist wie dieser.“

(Quelle: http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,752854,00.html)

Cohn-Bendit: Im letzten Moment haben die gestandenen Realos und einige andere, auch Entwicklungspolitiker, der Partei- und Fraktionsführung gesagt: Jetzt ist Schluss mit eurem Unsinn – wir müssen uns von der Bundesregierung distanzieren. Grundsätzlich ist doch die Frage: Warum fällt es uns in Deutschland so schwer einzusehen, dass man den Revolutionären in Libyen helfen musste – weil insbesondere in Bengasi ein Blutbad drohte? Jeder kennt doch die Bilder vom Warschauer Ghetto, jeder weiß wie es ist, wenn eine Armee eine Stadt einnimmt.

(Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,752288,00.html)

Alle Parteien haben also die Enthaltung der Bundesregierung mitgetragen, aber jetzt wäre es zu schade, wenn man die UNO-Außenseiterrolle der Regierung nicht für eigene Zwecke ausnützen könnte. Cohn-Bendit mag aus eigener Überzeugung sprechen, hat er sich doch sicherlich 1968 Unterstützung beim Steinewerfen durch Luftkampfgeschwader der UdSSR gewünscht. Bitte, Herr Cohn-Bendit, gehen Sie Enten füttern und halten Sie das Maul.

Dazu hört man im Radio Interviews mit der Oberschwafeltante Ulrich Weisser (Vizegeneral a.D., ex-Rühe-Berater), der die Enthaltung der Bundesregierung für die größte außenpolitische Katastrophe schlechthin hält – allerdings nur weil die NATO-Partner sauer auf die Entscheidung der Regierung sein könnten. Ich flehe Sie an, Herr Weisser, begleiten Sie Herrn Cohn-Bendit.

Einzig DIE LINKE hat in der Sache einen eindeutigen und moralisch verwendbaren Standpunkt, denn anders als bei der Koalition wird man ihr auch nicht unterstellen können, nur aus Kalkül Gaddafis Regime zu stützen. Denn wer weiß, ob die Regierung nicht einfach deswegen keine Angriffe auf Libyen fliegt, weil sie auf billiges Öl von und gute Waffengeschäfte mit einem überlebenden Gaddafi setzt.