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Der Sinn des Universums (4): Erneuter Dämonen-Besuch

Hochverehrter Herr wURST,

fast zehn Jahre ist es her, dass ich zuletzt Ihre Weisheiten über den Sinn des Universums empfangen durfte. Ich habe in Erwartung letzter Offenbarungen allen weltlichen Besitz von mir gegeben und streife seitdem nackt und ohne Ziel durch das Erzgebirge. Mir ist klar, dass andere Gläubige schon viel länger auf Antworten warten, aber SIE haben VERSPROCHEN mir einen weiteren Hinweis auf den sINN des Universums zu geben und nun nehme ich sie beim Wort.

Mit vorzüglichem Gruß
[Name ist der Blogredaktion bekannt]

Ich habe in den letzten Jahren einige Zuschriften dieser Art erhalten. Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, lassen alles hinter sich, um den von mir verlautbarten Wahrheiten näher zu sein. Ich halte dies bei allem Respekt jedoch für den falschen Weg! Ich habe in den vorangegangenen Artikeln (eine Verlinkung finden Sie unten) die These aufgestellt, dass es wahrscheinlich einen Grund dafür gibt, dass der Sinn des Universums – sofern es einen gibt – dem Menschen nicht bekannt ist. Ich kann dieser These nun einen einfachen Gedanken hinzufügen, der mir selber erst bei einer weiteren (und hoffentlich letzten) Begegnung mit dem nilpferdhäutigen Dämon einfiel.

Es war eine kalte Nacht im Februar, gedankenvergessen betrachtete ich durch das hässliche Thermopenfenster die dichte Schneedecke im Innenhof.

Als ich mich zum Zimmer umdrehte saß er plötzlich da, der kuhköpfige und nilpferdhäutige Dämon, der mir einst eine Heilung meiner angeblichen Krebserkrankung versprochen hatte, wenn ich im Gegenzug nach dem Tod meine Existenz aufgeben würde.

„Ich lebe noch. Keine Beschwerden, alle Check-Ups einwandfrei.“ sagte ich mit einem sarkastischen Grinsen.

„Herzlichen Glückwunsch.“ brummte der Dämon. „In meiner Hand lag das nicht. Mir wurde versichert, dass Sie todkrank sind und dass mein Angebot valide ist. Wir Dämonen erfahren nur das, was wir sollen.“

„Schwamm drüber. Für mich war es dennoch ein interessantes Treffen. Durch Sie habe ich aus erster Hand das Übernatürliche erfahren, und damit auch von der wahrscheinlichen Existenz Gottes.“

„Wieso das denn?“

„Zumindest scheint mir die Existenz eines Gottes in einer Welt mit Dämonen wahrscheinlicher als in einer Welt, in der alles physikalisch interpretierbar ist.“

„Sie wissen doch noch nicht einmal, ob ich vielleicht eine Ausgeburt Ihrer Phantasie bin. Außerdem weiß ich selber nicht, ob es einen Gott oder was auch immer gibt. Ich erstatte Bericht an den Functional Team Lead Dämonen. Unsere Hierarchien sind straff und extrem vertikal. Wie auch immer, ich wurde beauftragt, Ihnen wieder ein Angebot zu unterbreiten. Diesmal glaube ich ganz bestimmt, dass sie darauf eingehen werden.“

Er legte den Kuhkopf nach hinten, versuchte seriös und bedächtig zu wirken, und fuhr fort:

„Es ist nicht unbemerkt geblieben, dass Sie gewisse Thesen über den Sinn des Universums angestellt haben. Allein: es fehlt Ihre Schlussforderung. Es scheint fast so, als hätten Sie die Lust daran verloren. Ich biete Ihnen heute an, dass Ihnen der Sinn des Universums, den ich selber nicht kenne, mitgeteilt wird.“

Jetzt starrte der Dämon mich an als hätte er gerade einen Tanz im Baströckchen hingelegt.

Ich war natürlich seit Beginn der Unterhaltung sehr skeptisch: „Und was muss ich dafür geben? Kopf oder Kragen?“

Der Dämon grinste dämlich, machte eine kurze Pause um die Spannung zu steigern, und raunzte: „Nichts. Es kostet Sie rein gar nichts. Es gibt nur eine Bedingung: zeitgleich mit Ihnen erfahren alle Menschen, die über die nötigen geistigen Fähigkeiten dazu verfügen, den Sinn des Universums.“

Er lehnte sich zurück und stellt sich wohl vor, wie dieses scheinbar hervorragende Angebot in meine Hirnventrikel raste und dort alle Synapsen auf einmal auflodern ließ. In Wirklichkeit brauchte ich nicht eine Sekunde, um mich zu seinem Angebot zu positionieren.

„Vielen Dank für diese Offerte, die ich jedoch ablehne.“

Der Dämon sprang mit weit aufgerissenen Kuhaugen auf und grunzte verärgert: „Aber warum das denn?“

Ich hob zu einer ausladenden Erklärung an, vielleicht um ihn zu trösten, vielleicht um mit meiner Überlegenheit zu prahlen. „Von meinem Kollegen T. Rhemalog weiß ich, dass Sie mir gerade die Apokalypse anbieten, was wörtlich „Entschleierung“ heißt, aber auch mit dem jüngsten Gericht einhergeht. Wenn sich die Menschheit von Ihnen den Sinn des Universums offenbaren lässt, wird sie dadurch gleichzeitig versklavt. Denn dieser Sinn würde verhindern, dass der Mensch seinen eigenen Sinn finden kann. Der freie Wille jedoch, das größte Geschenk Gottes, würde durch ein oktroyiertes Ziel, einen offenbarten Sinn des Universums, zunichte gemacht. Ebenso wie Gott dem Menschen die Freiheit gegeben hat selber zu bestimmen was gut, schön oder gerecht ist hat er ihm die Freiheit gegeben zu bestimmen was sinnvoll ist, und es ist immer nur der Mensch, der versucht dem Menschen eine Moral oder einen Sinn aufzuzwingen, niemals jedoch ist es Gott. Es kann einen Sinn des Universums geben oder auch nicht, das kann ich nicht wissen, aber ich weiß, dass ich den Sinn des Universums nicht kennen möchte, solange ich unter den Lebenden weile, und was passiert wenn ich nicht mehr lebe ist jetzt nicht relevant für mich.“

Der Dämon stierte zu Boden, aber mein kleiner Exkurs schien ihn im Großen und Ganzen nur gelangweilt zu haben. Er trottete zum Thermopenfenster, öffnete es und jetzt sah ich zum ersten Mal, dass er tatsächlich so etwas wie riesige Fledermausflügel auffalten konnte. Dann hielt er kurz inne und murrte: „Der freie Wille. Ein Geschenk Gottes. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie das ganz bis zum Ende gedacht haben.“ Mit einem Sprung verschwand er, und er hatte mir tatsächlich etwas zum Nachdenken hinterlassen.

Der sINN des Universums, bisher erschienen:

Psyche und Soma

Was hat eine höhere Bedeutung, Psyche oder Soma?

Wenn ein Tier ein Tier verspeist, dann verschmelzen beide zu einem Individuum. In der Betrachtungsweise des Menschen ein grausamer Vorgang, wie die Spinne die Fliege betäubt, einwickelt und schließlich aussaugt. Ignoriert man jedoch die Persönlichkeit der Fliege – allgemein geht man ja auch davon aus, dass sie gar keine hat – dann findet im Raubzug der Spinne nur eine molekulare Verbindung von Fliege und Spinne statt, an der nichts traurig oder grausam ist.

Verspeist jedoch ein Tier einen Menschen, dann werden die meisten Betrachter auch nach tiefer Kontemplation nicht umhin kommen, diesen Akt grausam und traurig zu nennen. Abgesehen vom Leid des Opfers geht etwas verloren: ein menschliches Leben wurde ausgelöscht, ein Individuum ging unter, und damit auf einem Schlag alle bekannten Perspektiven dieses Menschen. Dass ein molekularer Austausch geschieht, dass also die Biomasse des Opfers zumindest zum Teil verwertet wird, scheint dahingegen unwesentlich.

Ist das eine biologisch faire Haltung?

Die Biomasse der Erde besteht aus ca. 82% Pflanzen,  13% Mikroorganismen, 5% Tiere und Pilze (der Mensch macht dabei 0,01% aus). Der Untergang der Menschheit wäre in Bezug auf die Biomasse unwesentlich, das Leben würde ohne die Menschheit wahrscheinlich besser gedeihen.

Eine besondere Bedeutung kann dem Menschen nur aufgrund seiner Vernunft und seiner personalen Identität beigemessen werden. Die geistige Leistung und das geistige Leben, die Psyche also ist die Essenz des Menschen. Sein Körper jedoch ist in Hinsicht auf die besondere Wertschätzung des Menschen für den Menschen unwesentlich. Der Körper wäre mit den geeigneten technischen Mitteln austauschbar oder gar verzichtbar.

Für die übrigen Organismen jedoch, also für 99,99% der Biomasse, steht das Soma im Mittelpunkt der Existenz. Die Pflanzen benötigen für ihre Existenz keine Gedanken. Bei den Mikroorganismen ist es ähnlich. Nur bei den Tieren gibt es eine gedankliche Ebene in teilweise unbekannter Ausprägung, und das Geistesleben vieler Tierarten dürfte im Vergleich zu ihrer Körperlichkeit wenig bedeutsam sein.

Ungeheuerlich, welchen Einfluss diese eigentlich unbedeutende Psyche  auf den Planeten hat. Der gerade Weg aus diesem Dilemma wäre die Erfindung eines Supercomputers (der „Matrix“), in die sukzessive die Psychen aller Menschen „eingespeist“ (und von der Erde entfernt) würden. Der somit rein psychische Mensch könnte dann ohne weiteren Schaden anzurichten in seinem Refugium walten, während die übrige Biomasse ganz und gar ihre somatische Erfüllung erlebt.

Muenteschrecke2

Großschreibung des ikonischen hANNES wURST geklaut

Heute ist nichts mehr vor geistigem Diebstahl sicher. Eine sicherlich miese Dire Straits (dt. „Arge Not“) Tributband mit dem total gewitzten Namen „Dire Strats“ (dt. „Schlimme Klampfen“)  hat meine Großschreibung geklaut. That’s the way they do it.

dIRE sTRATS

Ich wurde einmal zu einem Auftritt einer Genesis-Tributband gezwugen – es war schrecklich.

Ich möchte hiermit klarstellen, dass ich keinerlei Verbindung zu dieser Tributband habe. Zwar sind mir die Dire Straits lieb (auch wenn ich seit 25 Jahren nichts mehr von ihnen gehört habe, weil sie bei mir den Sprung ins Digitalalter nicht geschafft haben) aber eine Coverband, die vor größerem Publikum als ungefähr einer Schulklasse spielt und armen Bloggern die Großschreibung klaut geht gar nicht.

Ich habe eine Nationalistenphobie

Wenn ich in einer Kantine oder aus einem benachbarten Büro ein Gespräch über die aktuelle „Flüchtlingsproblematik“ höre, ergreift mich regelmäßig eine Abscheu. „Wir können die ja nicht abschieden, wo die herkommen, wollen die die auch nicht zurück. Darum haben wir die an den Hacken.“ Dies spiegelt nicht etwa das Niveau einer Person ohne Schulausbildung und moralische Orientierung wieder, sondern das von ganz normalen Angestellten mit mittlerem Bildungsniveau. Der Flüchtling, manchmal Asylant, wird als Kollektiv wahrgenommen, als Heuschrecke die in Deutschland einfällt und droht, uns die Haare vom Kopf zu fressen, uns zu beklauen, uns zu missbrauchen und anschließend noch eine Bombe zu legen. Nur folgerichtig, dass die populistischen Parteien in Deutschland daran erinnern, dass man diese Leute an der Grenze auch abknallen kann, wenn sie nicht Folge leisten wollen. Wenn man mit solchen Aussagen auf Stimmenfang gehen kann, dann wirft das ein erschreckendes Licht auf den Wähler.

Nun kann man einwenden, dass diese neue oder neuerdings gehäuft auftretende Form des Nationalismus nichts weiter ist als das begründete Bedürfnis des Einzelnen, seine Interessen zu wahren. Und bei den Interessen steht die Sicherheit weit vorne, weiterhin natürlich der Wohlstand und auch die Kultur. Mit Kultur meinen die Nationalisten natürlich alles, was nicht irgendwie fremd ist. Dass er selber diesen Anspruch hat und ihn aber einem Flüchtling nicht zugesteht, das macht den Nationalisten aus. Wie rechtfertigt der Nationalist diesen Anspruch?

Die nationalistische Einstellung beruht nicht auf moralischen Prinzipien oder einer moralischen Logik, sondern schlicht auf einem Prinzip der Überlegenheit. Individueller Besitzstand ist moralisch weitgehend akzeptiert, allerdings nicht alternativlos, wie schon Kollektivierungen wie Abgaben und Steuern oder die Möglichkeit einer Zwangsenteignung zeigen. Jedenfalls sind die meisten Menschen bereit ihr Auto, ihr Haus und ihr Grundstück vor dem Zugriff Dritter zu schützen und das ist rechtlich gedeckt. Fatalerweise übertragen viele Menschen diesen Besitzanspruch auf das Territorium der Nation, der sie angehören. Man könnte das auf „My car ist my castle, my nation is my car.“ reduzieren, wenn es nicht so traurig wäre.

Wo ist der nationalistische Denkfehler? Der Fehler ist, dass der Nationalist seine Nation mit seinem Besitz verwechselt. Egal, ob er Wohltäter oder Zeit seines Lebens von Unterstützung durch den Staat abhängig ist: der Nationalist pocht auf einen Besitzstand, der ihm moralisch und gesetzlich nicht zusteht. Sein Auto, sein Haus hat er sich vielleicht verdient oder geerbt (wobei ebenfalls das Prinzip des Eigentums durch Erbschaftssteuern gebrochen wird), aber das Territorium seiner Nation und alle öffentlichen Einrichtungen gehören ihm nicht einmal zum kleinsten Teil. Das sieht man schon daran, dass er seine Nationalität nicht veräußern oder einen Teil des staatlichen Besitzes einfordern könnte.

Dennoch spricht der Nationalist gerne von „seinem“ Land und „unserem“ Wohlstand. In Wahrheit jedoch hat auch der Nationalist nur genau die Ansprüche, die der Staat ihm per Gesetz gewährt, und diese Ansprüche gleichen mehr einem Leasingvertrag als einer Besitzurkunde.

Natürlich kann man auch ohne dieses Besitzdenken Nationalist sein und weiterhin ein hartes Vorgehen gegen Flüchtlinge fordern. Aber ich bin überzeugt davon, dass diejenigen, die aufhören die Nation der sie in den Schoss gefallen sind als Quell eines Besitzanspruches zu sehen, auch aufhören werden, eine derart degenerierte Einstellung gegenüber Menschen in Not oder Menschen in einer stark benachteiligten Situation zu pflegen, wie sie momentan immer häufiger zu beobachten ist.

Theorien zum Weltuntergang (21. – 23.12.2012)

Ich habe wieder eine Leserzuschrift erhalten:

Euer hochwürdigster Herr wURST,

ich wende mich in der Stunde der tiefsten philosophischen Not an Sie. Ich bin höchst verwirrt angesichts der bitteren Prognose, die mir zum 21.12.2012 gestellt wurde. Was heißt das eigentlich, „Weltuntergang“? Betrifft die Sache auch mich ganz persönlich? Ich habe die Werke Hegels, Heideggers, Adornos, Bernhards und die vieler anderer Propheten zu Rate gezogen, komme jedoch zu keinem Schluss. Sie, Herr wURST, da Sie ja auch Gott sind, und Papst, und auch König, Präsident und Lordkanzler, brauchen nur ein Wort zu sprechen, und meine Seele wird gesund.

Mit größtem Respekt und bewundernder Hochachtung verbleibe ich als Ihr niedrigster und treuester Diener in demütiger Hoffnung

– Sarin B., Fennpfuhl

Ich erhalte viele Briefe dieser Art zu vielen Themen, aber dieser war ganz besonders verbindlich und wenn er auch die eine oder andere Ehrerbietung zu viel enthält so behandelt er doch eine Frage, die ganz aktuell und philosophisch gar nicht so unergiebig ist.

Fassen wir zum Thema „Weltuntergang am 21. – 23.12.2012“ erst einmal die unstreitigen Fakten zusammen. Vor tausenden von Jahren haben irgendwelche Wilden einen Kalender erfunden, dessen Datumsvorrat zwischen dem 21.12. und 23.12.2012 erschöpft sein wird. Einige Menschen hatten den Einfall, dass dies auf einen bevorstehenden Weltuntergang hindeuten könnte.

Ungeachtet dieser dürftigen Quellenlage soll im Folgenden diskutiert werden, ob und wie ein Weltuntergang im Kontext der Maya-Prophezeiung eigentlich denkbar ist.

Theorie 1: Der Beginn des Weltuntergangs

In dieser Theorie gehen wir davon aus, dass ein Weltuntergang eigentlich ein Menschheitsuntergang ist, der Weltuntergang ist die Vernichtung allen menschlichen Lebens auf Erden. Ein plötzlicher, unvorhergesehener Weltuntergang, der jetzt noch drei bis sechs Tage hätte, sich zu entfalten, ist kaum denkbar. Würde ein kosmisches Ereignis bevorstehen, zum Beispiel eine Kollision der Erde mit einem anderen Himmelskörper, dann wäre dies längst prognostiziert worden. Auch eine Naturkatastrophe nach dem Vorbild der Sintflut wird schwerlich alle Menschen bis zum Heiligen Abend vernichten können.

Was aber möglich wäre ist, dass in den nächsten Tagen das Ende der Menschheit besiegelt wird, zum Beispiel, weil der Ausstoß an Treibhausgas endgültig eine Schwelle erreicht hat, die keine Reparatur mehr erlaubt. Am 21. bis 23. würde also der Beginn des Weltuntergangs eintreten. Unspektakulär, denn wir haben uns an die Zerstörung unserer Lebensgrundlage gewöhnt, aber durchaus nicht unrealistisch. Der Zusammenhang mit dem Maya-Kalender ist jedoch nicht einzusehen.

Theorie 2: Das Ende der Zeit

Nimmt man das Ende des Kalenders wörtlich, dann müsste die Zeit in den nächsten Tagen einfach enden. Dazu findet sich auch im deutschen Sprachraum eine Prophezeiung aus dem 19. Jahrhundert:

Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr.

Jedoch gibt es keinen Hinweis auf die Möglichkeit eines solchen „Zeitende“ Phänomens außerhalb eines Schwarzen Loches. Es müsste also schon spontan ein Schwarzes Loch entstehen (zum Beispiel im Large Hadron Collider) oder eine Zauberfee auftauchen um diese Prophezeiung wahr zu machen. Diese Theorie kann also ebenfalls als nicht plausibel verworfen werden und wurde nur angeführt, um zu demonstrieren, auf welche unglaublich bescheuerte Ideen manche Menschen kommen.

Theorie 3: Der subjektive Weltuntergang

Diese Theorie bewahrheitet sich zumindest für die 150.000 Sterbefälle, die weltweit pro Tag durchschnittlich zu verbuchen sind. Da wir über drei potentielle Weltuntergangstage reden, sogar für ca. 450.000 Sterbefälle. Zwar kommt hier ein Urnenmodell mit bedingten Wahrscheinlichkeiten zum Tragen, doch hat jeder Mensch sein Los in der Sterbefall-Lotterie. Daher wird es wahrscheinlich einige Esoteriker/Innen geben, die am 21.12. zum Beispiel einen schweren Unfall erleiden und jedoch das Glück haben, im Moment ihres letzten Hauches die Weltuntergangstheorie bestätigt zu sehen.

Das zieht natürlich sofort gewisse Fragen über die Natur des Todes nach sich. Wenn die verstorbenen Esoteriker sich in einer Art Jenseits wiederfinden, könnte doch noch – angesichts der Tatsache dass die Welt offensichtlich weiterexistiert – eine Enttäuschung bei den Esoterikern eintreten. Erst recht, wenn sie mit einer Harfe ausgestattet über Wolken fliegen müssen und beobachten, dass unten auf der Erde das Treiben am 24.12. munter weitergeht.

Dies ist jedoch sehr unwahrscheinlich, wenn man meine aktuellen Ergebnisse zur Todesforschung heranzieht. Demnach gleicht der Tod einer unglaublich schnellen Reise mit unbekanntem Ziel. Tatsächlich sind utopische Zeiträume wie zum Beispiel eine Milliarde Jahre, oder sogar 1000 Billiarden Jahre, für die Toten bequem zu durchqueren. Es kostet sie keinen Wimpernschlag. Das ist gut, denn so bekommen die verstorbenen Esoteriker gar nichts davon mit, dass die Welt nach dem 21.12. vielleicht weiterexistiert und sie merken auch nichts vom Untergang der Menschheit, von der Supernova die die Erde verschlingt, von der Erstarrung oder der Implosion des Universums. Sie gleiten in unendlicher Geschwindigkeit durch die Zeit und raffen gar nichts mehr, noch weniger als zu Lebzeiten, und es kann höchstens sein, dass nach Milliarden, Fantastilliarden von Jahren plötzlich ein wirr dreinblickender Mann vor Ihnen steht, mit einem Schäferstock in der Hand, und also spricht: „Ich habe es Euch doch gesagt.“ Ist es Nietzsche, ist es Zarathustra? Unbekannt.

Nun fragen Sie sich vielleicht, was diese zufälligen Todesfälle mit der Prophezeiung eines Weltuntergangs zu tun haben. Ganz einfach: vielleicht war es gar keine Prophezeiung eines Weltuntergangs, sondern eine ganz persönliche Prophezeiung Ihres eigenen Todes. Sie denken vielleicht, die ganze Welt liest und redet doch davon, der 21.12. ist ein Thema, das sehr viele Menschen beschäftigt. Aber nein, es sind nur einige hunderttausend, die anderen bekommen gar nichts davon mit und leben unbehelligt ihr Leben weiter. Diese anderen Menschen erhalten ihre eigene Prophezeiung noch.

Es ist nur eine Theorie, und sie wäre tröstlicher, wenn sie nicht so verdammt gut wäre. Also: trinken Sie in den nächsten Tagen den guten Wein, den Sie seit Jahren aufbewahren. Schreiben Sie ein paar Briefe. Vielleicht treffen Sie sich noch einmal mit dieser ganz speziellen Person, an die Sie jetzt denken, wenn Sie daran denken welche Person Sie schon so lange nicht getroffen haben obwohl sie ihnen so sehr am Herzen liegt. Und natürlich: beten Sie, hoffen Sie, und finden Sie Trost in der Gelassenheit, die Sie Ihrer eigenen Lebensgeschichte entnehmen.

Das Beschneidungsverbot von Köln

Vom lieben Genova (http://exportabel.wordpress.com) erhielt ich heute die Aufforderung „schreib mal was zur beschneidung, damit ich drüber diskutieren kann.“ Ich werde ihm diesen Ball gerne zuspielen.

Zunächst ist es für Interessenten ohne einschlägiges Vorwissen unabdingbar, die folgenden Dokumente zumindest zu überfliegen.

Der umfassende und qualitativ hochwertige Wikipedia Eintrag zum Thema Beschneidung (Vorsicht beim Aufruf am Arbeitsplatz, da Penisvarianten abgebildet sind):

http://de.wikipedia.org/wiki/Zirkumzision

Die  Urteilsbegründung des Landgerichts Köln:

http://adam1cor.files.wordpress.com/2012/06/151-ns-169-11-beschneidung.pdf

Ein paar wichtige Punkte zur Sache, die sich aus diesen Quellen erschließen:

  • Die Geschichte der Beschneidung ist Teil eines uralten und fortlaufenden Kampfes um religiöse, ethische, ästhetische und emanzipatorische Werte… und diese Liste der infrage stehenden Werte ist sicherlich unvollständig.
  • Für die jüdische Religion ist die Beschneidung am achten Tag nach der Geburt religiös identitätsstiftend; durch die Beschneidung wird ein Bund mit Gott eingegangen, das unbeschnittene Kind müsste die Verdammung fürchten. Die Beschneidung kann insofern im Rang mit der christlichen Taufe verglichen werden.
  • Der Islam ist in dieser Hinsicht etwas liberaler, die Beschneidung kann bis zum 13. Lebensjahr – teilweise auch später – stattfinden. Mohammed kam ohne (oder mit einer sehr kurzen) Vorhaut zur Welt – dies ist im Islam ein Erkennungszeichen für Propheten. Jesus – auch im Islam ein Prophet – ist hingegen als Jude beschnitten worden. Was sagt uns das. Wahrscheinlich nichts. Jedenfalls meinte Jesus, man könne von einer Beschneidung absehen und plädierte eher für einen ideellen Bund mit Gott. (Wenn ich mir die persönliche Bemerkung erlauben darf: man sieht einmal mehr, dass Jesus einfach OK ist.)
  • In der jüdischen Geschichte wurde der jüdische Beschneidungsbrauch unter nicht-jüdischen Regierungen häufig verfolgt und teilweise mit dem Tode bestraft. Noch im Sowjetregime wurden jüdische Kinder aus diesem Grunde häufig nicht beschnitten.
  • Es gibt ungefähr genauso viele Berichte und Belege über die ästhetischen, sexuellen, gesundheitlichen … Vorteile der Beschneidung wie es Berichte und Belege über deren Nachteile gibt. Der im Urteil des Landgerichts jedoch besonders bedeutsame Begleitumstand der Beschneidung ist das mögliche Auftreten von Komplikationen, das gerade bei jungen und jüngsten Patienten bestehende  Risiko von Verstümmlungen oder Schlimmerem, das mit der Beschneidung einhergeht.

Zunächst kann festgestellt werden, dass es verwunderlich ist, dass eine uralte Diskussion in Deutschland durch eine niedrige Gerichtsinstanz derart in den Fokus gerät wie dies jetzt geschehen ist. In der Urteilsbegründung selber wird zum Beispiel dieser Text http://www.amazon.de/Sozialad%C3%A4quanz-im-Strafrecht-Zur-Knabenbeschneidung/dp/3428134877 angebracht und verworfen, woraus ersichtlich ist, wie ausführlich die Diskussion auch in jüngerer Zeit geführt wurde. Das Gerichtsurteil selber kann somit nur als ein Ruf nach dem Gesetzgeber interpretiert werden, dessen Aufgabe es ist, in dieser schwierigen moralischen Frage Fakten zu schaffen. Das Gesetzt selber ist – wie in der Urteilsbegründung erkennbar – nicht sehr spezifisch in Hinblick auf die medizinische Vertretbarkeit von Beschneidungen im Speziellen. Da diese Bewertung jedoch offensichtlich sehr wichtig ist, um bei einem alltäglichen Vorgang Rechtssicherheit zu schaffen, muss der Gesetzgeber die unangenehme Aufgabe einer Entscheidung in dieser Sache möglichst bald in Angriff nehmen.

Wie könnte der Gesetzgeber vorgehen? Einige meiner Meinung nach wichtige Argumente möchte ich wieder in Listenform einbringen:

  • Die Komplikationsgefahr der Operation muss medizinisch möglichst genau ermittelt werden. Da ein Verbot einen „Beschneidungstourismus“ oder illegale, medizinisch nicht optimal durchgeführte Beschneidungen zur Folge haben könnte, müssen diese Umstände im Sinne des körperlichen Wohls des Kindes gegengerechnet werden. Da in den USA ca. 65% aller Neugeborenen beschnitten werden, scheint das Risiko meiner vorsichtigen Schätzung nach vertretbar zu sein.
  • Die möglichen seelischen Schäden, das Ausmaß der Verletzung der Selbstbestimmung des Kindes müssen bewertet werden. Allerdings auch umgekehrt die möglichen seelischen Schäden durch eine Nicht-Beschneidung, die insbesondere in der jüdischen Religionsgemeinschaft erheblich zu sein scheint. Das Landgericht bringt weiterhin an: „Diese Veränderung [die Beschneidung] läuft dem Interesse des Kindes später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können zuwider.“ Wieso eigentlich? Kann ein beschnittener Muslim sich etwa nicht zum Atheismus bekennen – bzw. fällt ihm das deswegen schwerer, weil er beschnitten ist? Dieses Argument könnte nur dann gelten, wenn es Religionsgemeinschaften gäbe, die keine beschnittenen Männer akzeptierten. Diese gibt es meines Wissens nach jedoch nicht. Auf solche Begründungskonstruktionen hätte sich das Landgericht nicht einlassen sollen. Dass im Übrigen Eltern ihre Kinder religiös vorprägen, ebenso wie sie ihnen andere keineswegs stets universelle Wertvorstellungen „in die Wiege legen“ ist bekannt, akzeptiert und auch wenn die Selbstbestimmung dieser Kinder natürlich darunter leidet, so muss man diesen Fakt zumindest heute, wo die Erziehung noch nicht von Robotern erledigt wird, hinnehmen.
  • Das Gefährdungspotential der Beschneidung muss auch in Relation zu anderen, legalen Praktiken gesehen werden. Säuglinge werden getauft (Gefahr: Lungenentzündung), Kleinkindern werden Ohrlöcher
    geschossen, unnötige Verkehrsgefährdungen von Kindern werden andauernd hingenommen, eine gesunde Ernährung ist nicht in vielen Haushalten gewährleistet. Deutsche Kinder müssen reiten, klettern, schwimmen, skifahren, sich beim Ballett dehnen, beim Hochleistungssport ihre Gesundheit ruinieren. Einige Jahre später – spätestens mit 16 – ballern sie sich dann so mit Alkohol voll, dass das Beschwören der Gefahren der Beschneidung der traditionellen jüdischen oder islamischen Familie wie eine Groteske vorkommen muss.
  • Andererseits muss die Beschneidung auch klar von Praktiken abgegrenzt werden, die aus gutem Grund verboten sind. Dazu gehört die Beschneidung der weiblichen Genitalien, die in der gesamten EU verboten ist. Der Unterschied zur Zirkumzision liegt in den wesentlich schwerwiegenderen körperlichen und seelischen Folgen der Mädchenbeschneidung. Nur eine genaue medizinische Evaluierung kann klären, wie bedeutend diese Unterschiede wirklich sind. Auch die weibliche Beschneidung ist in einigen zentralafrikanischen Staaten gelebte Praxis, wir können sie in Deutschland dennoch ächten (das gilt natürlich erst recht für Praktiken wie das Transfusionsverbot  oder gar Ehrenmorde, auch wenn eine gewissen Sozialadäquanz auch bei diesen Praktiken gegeben ist). Dass es eine nicht eindeutige Linie zwischen der weiblichen Beschneidung und der Zirkumzision gibt – ich kann zumindest keinen kategorischen Unterschied erkennen, auch wenn ich die unterschiedlichen Auswirkungen für bedeutsam halte, zeigt, dass bei aktueller Gesetzeslage kein Gericht in dieser Frage ein einfaches Urteil fällen kann.

In der Summe stelle ich mich gegen eine Strafverfolgung der Beschneidung. Die Urteilsbegründung des Landgerichts Köln kann mich nicht überzeugen. Eine Gesetzesinitiative ist zur Klärung dringend notwendig. Wenn das Ergebnis wäre, dass Beschneidungen in Deutschland nur noch mit medizinischer Indikation erlaubt sind, dann könnte ich das tolerieren. Ich meine jedoch, dies wäre der falsche Weg. Vielleicht ist es insgesamt wünschenswert, wenn körperliche Eingriffe dieser Art bei Kindern so weit wie möglich unterbleiben. Aber die Initiative dazu sollte meiner Meinung nach von denen kommen, die mit der Beschneidungspraxis zu tun haben.

Ich bitte um Entschuldigung dafür, dass dieser Artikel so elend lang geworden ist, aber es war ja eine Auftragsarbeit.

Kurzes Lob des Analogen

Man mag sich wundern, warum es der Wissenschaft nicht gelingt, künstliches Leben zu fabrizieren. Nicht einmal so etwas wie Salinenkrebse, die doch wie trocken Korn tot vor uns liegen und denen mit ein wenig Wasser Leben eingehaucht werden kann. Das Unvermögen wird jedoch weniger verwundern, wenn bedacht wird, dass der Mensch nicht einmal einen guten Whisky synthetisieren kann. Was innerhalb einiger Jahrzehnte in den Whiskyfässern vor sich geht, scheint genauso mysteriös zu sein, wie die Wiederbelebung des Salinenkrebses.

Warum sind einige Dinge auf überschaubare Daten reduzierbar und damit digitalisierbar – wie die Musik auf einer CD – und andere nicht – wie der Geschmack eines guten Weins? Die Erklärung ist, dass die Dinge leicht digital vermittelt werden können, die nicht unmittelbar wahrgenommen werden. Text, Audio und Video leben in und von der Vorstellungswelt, die je schon im Subjekt präexistiert. Spärliche digitale Information reichen aus, um diese Vorstellungen anzuregen, die Musik spielt jedoch im Subjekt und wurde analog vermittelt.

Das ist auch der Grund, warum dieses Blog so dürftig bestückt wird. Könnte ich hier Whisky reichen, wäre mehr da. Ich trinke übrigens gerade einen 18-jährigen Bruichladdich. Guten Abend.