MOM – das Erfolgsrezept des 21. Jahrhunderts

Gehörte das 20. Jahrhundert noch den Mitläufern und Populisten, so zeichnet sich im 21. Jahrhundert ein neuer Gewinnertypus ab: MOM – der Mensch ohne Meinung. Der MOM hat viele Vorteile, unter anderem die, dass er nicht viel tun muss und sich selten Feinde macht. Besonders in sogenannten „Krisenzeiten“ wie 2020/21 ff. – in denen den Menschen vor Augen geführt wird dass sie sterblich sind – bewährt sich die absolute Meinungslosigkeit. Der Anfänger kann auch einfach so tun, als wenn er keine Meinung hätte.

Es wird von den Mitmenschen des MOM keineswegs als unangenehm empfunden, dass der MOM sich an einer Unterhaltung vor allem durch Zuhören und das gelegentliche Stellen von unverfänglichen Fragen beteiligt. Solche Leute gab es im 20. Jahrhundert nur wenige, und sie wurden als Langweiler und Looser abgetan. Dadurch gab es mehr Menschen die Musik machten als Menschen die Musik hören wollten, und ähnlich liefen die Gespräche ab: eine einzige Kakofonie.

Der perfekte MOM jedoch schafft es, sich durchaus und scheinbar konstruktiv an einer Unterhaltung zu beteiligen. Tatsächlich erweckt er paradoxerweise zeitweise den Eindruck, ein Meinungsführer zu sein. Er bedient sich dazu einiger Tricks.

  1. Rückgriff auf Anektdotisches: Auswahl und Inhalt eines Berichts können eine Meinung untermauern – sie können aber auch einfach neutral oder mehrdeutig angeboten werden oder im Idealfall so, dass jeder Zuhörer sich angenommen und bestätigt vorkommt.
  2. Ermitteln von Durchschnittsmeinungen: der MOM muss schnell erkennen können, wie seine Gesprächspartner ticken. Er ermittelt die Durchschnittsmeinungen seiner Gesprächspartner, die er wiederum mit der gesellschaftlich insgesamt vorherrschenden Meinung mittelt. Er erreicht so eine Positionierung seiner Meinung genau zwischen Gesellschaft und Gesprächspartnern. So wird seine (in Wirklichkeit nicht vorhandene) Meinung stets als vernünftige Position begriffen.
  3. Blitzschnelles Oszillieren: auch bei sorgfältig geplanter Meinungslosigkeit kann es vorkommen, dass der MOM versehentlich eine Emotion erregt oder eine Aussage macht, die mehrheitlich abgelehnt wird. Hier hilft dem MOM, dass er ja in Wahrheit gar keine Meinung hat: blitzschnell korrigiert er seine Aussage, und dies auch gerne mehrfach hintereinander, so dass die problematische Aussage entweder dadurch aufgehoben oder durch einen Brei von schwer interpretierbaren Aussagen vernebelt wird.
  4. Die Notbremse: funktioniert das blitzschnelle Oszillieren einmal nicht, gibt es immer noch die Möglichkeit, einen Schwächeanfall oder einen anderen Umstand vorzutäuschen, der die problematische Aussage relativiert. Manchmal reicht auch ein hektisches „so, jetzt muss ich mir mal die Beine vertreten, wer macht mit“ (bei Telefonkonferenzen) oder „Leute, ich brauch jetzt ein Bier“ (bei der Coronaparty).

Ich wünsche allen Lesern viel Spaß beim Einstudieren dieses Erfolgsrezepts. Ich habe in der Corona-Pandemie selber Phasen der Wut, der Resignation, der Niedergeschlagenheit erlebt. Mit dieser Methode fällt es am leichtesten, all dies zu vermeiden. Es ist sowieso völlig egal, was Sie denken!

4 Gedanken zu „MOM – das Erfolgsrezept des 21. Jahrhunderts

  1. Luigi G. aus R.

    Den Inhalt checke ich gerade nicht, habe aber zwei Rechtschreibfehler gefunden:

    Durschnittsmeinungen: der MOM muss schnell erkennen können, wie seine Gesprächspartner ticken. Er ermittelt die Durchschnittsmenung s

    Antwort
    1. hANNES wURST Autor

      Sehr gut, lieber motherhead, Du hast das Prinzip schon erfasst und musst nur noch ein wenig üben. Halte Dir stets vor Augen: es interessiert wirklich keine Sau was Du wirklich denkst. Die Menschen benutzen Dich sowieso nur als Projektionsfläche. Es geht nur darum, entweder möglichst beliebt zu sein oder wenigstens seine Ruhe zu haben.

      Antwort

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