Ich habe eine Nationalistenphobie

Wenn ich in einer Kantine oder aus einem benachbarten Büro ein Gespräch über die aktuelle „Flüchtlingsproblematik“ höre, ergreift mich regelmäßig eine Abscheu. „Wir können die ja nicht abschieden, wo die herkommen, wollen die die auch nicht zurück. Darum haben wir die an den Hacken.“ Dies spiegelt nicht etwa das Niveau einer Person ohne Schulausbildung und moralische Orientierung wieder, sondern das von ganz normalen Angestellten mit mittlerem Bildungsniveau. Der Flüchtling, manchmal Asylant, wird als Kollektiv wahrgenommen, als Heuschrecke die in Deutschland einfällt und droht, uns die Haare vom Kopf zu fressen, uns zu beklauen, uns zu missbrauchen und anschließend noch eine Bombe zu legen. Nur folgerichtig, dass die populistischen Parteien in Deutschland daran erinnern, dass man diese Leute an der Grenze auch abknallen kann, wenn sie nicht Folge leisten wollen. Wenn man mit solchen Aussagen auf Stimmenfang gehen kann, dann wirft das ein erschreckendes Licht auf den Wähler.

Nun kann man einwenden, dass diese neue oder neuerdings gehäuft auftretende Form des Nationalismus nichts weiter ist als das begründete Bedürfnis des Einzelnen, seine Interessen zu wahren. Und bei den Interessen steht die Sicherheit weit vorne, weiterhin natürlich der Wohlstand und auch die Kultur. Mit Kultur meinen die Nationalisten natürlich alles, was nicht irgendwie fremd ist. Dass er selber diesen Anspruch hat und ihn aber einem Flüchtling nicht zugesteht, das macht den Nationalisten aus. Wie rechtfertigt der Nationalist diesen Anspruch?

Die nationalistische Einstellung beruht nicht auf moralischen Prinzipien oder einer moralischen Logik, sondern schlicht auf einem Prinzip der Überlegenheit. Individueller Besitzstand ist moralisch weitgehend akzeptiert, allerdings nicht alternativlos, wie schon Kollektivierungen wie Abgaben und Steuern oder die Möglichkeit einer Zwangsenteignung zeigen. Jedenfalls sind die meisten Menschen bereit ihr Auto, ihr Haus und ihr Grundstück vor dem Zugriff Dritter zu schützen und das ist rechtlich gedeckt. Fatalerweise übertragen viele Menschen diesen Besitzanspruch auf das Territorium der Nation, der sie angehören. Man könnte das auf „My car ist my castle, my nation is my car.“ reduzieren, wenn es nicht so traurig wäre.

Wo ist der nationalistische Denkfehler? Der Fehler ist, dass der Nationalist seine Nation mit seinem Besitz verwechselt. Egal, ob er Wohltäter oder Zeit seines Lebens von Unterstützung durch den Staat abhängig ist: der Nationalist pocht auf einen Besitzstand, der ihm moralisch und gesetzlich nicht zusteht. Sein Auto, sein Haus hat er sich vielleicht verdient oder geerbt (wobei ebenfalls das Prinzip des Eigentums durch Erbschaftssteuern gebrochen wird), aber das Territorium seiner Nation und alle öffentlichen Einrichtungen gehören ihm nicht einmal zum kleinsten Teil. Das sieht man schon daran, dass er seine Nationalität nicht veräußern oder einen Teil des staatlichen Besitzes einfordern könnte.

Dennoch spricht der Nationalist gerne von „seinem“ Land und „unserem“ Wohlstand. In Wahrheit jedoch hat auch der Nationalist nur genau die Ansprüche, die der Staat ihm per Gesetz gewährt, und diese Ansprüche gleichen mehr einem Leasingvertrag als einer Besitzurkunde.

Natürlich kann man auch ohne dieses Besitzdenken Nationalist sein und weiterhin ein hartes Vorgehen gegen Flüchtlinge fordern. Aber ich bin überzeugt davon, dass diejenigen, die aufhören die Nation der sie in den Schoss gefallen sind als Quell eines Besitzanspruches zu sehen, auch aufhören werden, eine derart degenerierte Einstellung gegenüber Menschen in Not oder Menschen in einer stark benachteiligten Situation zu pflegen, wie sie momentan immer häufiger zu beobachten ist.

Advertisements

2 Gedanken zu „Ich habe eine Nationalistenphobie

  1. genova68

    Fatalerweise übertragen viele Menschen diesen Besitzanspruch auf das Territorium der Nation, der sie angehören.

    Besitzanspruch auf eine Nation ist absurd, in der Tat. Aber es gab schon immer Kollektive, die mehr oder weniger gemeinsam einen Raum als den ihren definierten. Ob das die Stadt mit der Mauer ist oder Fürstentümer, Provinzen, ein Staat oder die EU. Es geht um territoriale Ansprüche. Das sind Gemeinschaftsleistungen, die Individuen als Gruppe schon immer vollzogen haben, weil dadurch das eigene Leben in der Regel besser gelingt. Und die Terroirbesitzer entscheiden, wer sich dort wie aufhalten darf. Es gibt keinen Staat der Welt, der das anders praktiziert.

    Der Einzelne hat die Wohnung, die Gruppe das Territorium. Letzeres ist naturgemäß durchlässiger als die Wohnung.

    Wenn du auf „no borders, no nations“ anspielst, so finde ich das grundsätzlich eine gute Idee. Nur müsste man erstmal die Voraussetzungen dafür schaffen. Und dann ginge es sicherlich um den Eigentumsbegriff an sich.

    Antwort
    1. hANNES wURST Autor

      Es gibt Annahmen, die uns so selbstverständlich erscheinen, dass wir sie nicht in Frage stellen. Zum Beispiel, dass die Sonne sich um die Erde dreht. Ähnlich unterliegt das menschliche Verständnis von Leistung, Eigentum, Territorium und Nation seit jeher fatalen Fehlannahmen.

      Abgesehen vom psychologischen Grundproblem – der Verwechslung von Eigentum und Territorium die ich im Artikel aufgezeigt habe – gibt es unzählige moralische, praktische und logische Gründe dafür, dass Nationalstaaten in der gegenwärtigen, abgegrenzten Form die über eine reine Verwaltung weit hinausgeht, vollkommener Irrsinn sind – an den wir uns gewöhnt haben. Ich möchte das mit einigen Bespielen belegen.

      Staaten sorgen für Wegerechte. Würden sie das nicht tun, entstünden schlimmstenfalls Gebiete, in die man nicht hinein oder aus denen man nicht mehr heraus könnte. Man wäre auf die Gnade der umliegenden Grundstücksbesitzer angewiesen. Ein total abstruser Zustand, wie es scheint, dennoch reservieren sich Nationalstaaten eben dieses Reiserecht von ihrer Willkür abhängig zu machen, und zwingen Menschen in Sackgassen auszuharren oder ihre Reise abzubrechen. Israelis können davon ein Lied singen, sie erleben wie der eigene Staat Zäune baut und dass sie selber gleichzeitig in vielen Ländern unerwünscht sind.

      Eine Begründung für die Existenz von Nationalstaaten liegt in der Verteidigung vor ausländischen Interessen. Allerdings existieren ausländische Interessen nur, weil es Nationalstaaten gibt.

      Der Klimawechsel könnte neue Völkerwanderungen auslösen. Die Niederlande könnten komplett überschwemmt werden. Kein Problem, jedenfalls wenn Schengen dann noch gilt. Afrika könnte komplett unbewohnbar werden. Was tun? Der aktuellen Moral zufolge würden sich die meisten Nationen wegducken und Millionen Menschen sterben lassen.

      Wir reden den ganzen Tag von Globalisierung, aber wir denken und handeln völkisch. Wir fordern die Gleichstellung der Frau in islamischen Ländern, behandeln diese Länder jedoch wie Dreck und sind vollkommen gewöhnt an eine stark differierende Lebensqualität. Es wird hingenommen, die einfachste Begründung ist, dass diese Länder generationsübergreifend und unter Auslassung von Nachteilen wie der Beschaffenheit ihres Territoriums, ihrer Lage innerhalb der Nationen und der Umstände, die andere Nationen direkt zu verschulden haben ja selber schuld sind. Da sind ja sogar Begründungen wie „die Afrikaner sind dumm weil die Sonne ihnen den ganzen Tag auf den Kopf knallt“ noch rationaler – bzw. einfach nur ehrlich bescheuert, statt perfide bescheuert.

      Zur Abhilfe schlage ich vor, dass Nationen bilaterale Abkommen schließen, die gegenseitige Niederlassungsfreiheit garantieren. Nicht auf eine Art wie das innerhalb der EU geschah – mit einem billionenschweren Verwaltungsaufwand, der wahrscheinlich für die Katz war – sondern mit jedem Staat, der interessiert ist. Zum Beispiel Deutschland mit Somalia. Ich möchte dann da hin und mich niederlassen, schon um keine Pegida Ärsche, AfD Fuckfaces und andere Deppen mehr ertragen zu müssen. Aber die kommen dann wohl auch dahin, man kann es nicht verhindern, die Somalis wissen vorher, worauf sie sich einlassen.

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s