Bowie tot, ganzen Tag geweint

David Bowie war der erste Musiker, den ich richtig entdeckt habe. 1982 empfahl mir ein Freund „Hunky Dory“, und jedes einzelne Stück war eine Offenbarung. Besonders natürlich „Life on Mars“, das so ein richtiger Teeny Song ist, den ich mit meinen begrenzten Fingerfertigkeiten auch auf dem Klavier spielen konnte. Die LP war damals schon 11 Jahre alt und Bowie war in der Zwischenzeit fleißig gewesen, so dass ich nun alles entdecken konnte, was Bowie bis 1982 („Scary Monsters“) zu Wege gebracht hat. Darunter war nicht eine Enttäuschung, auch die komischen Vor-Space Oddity Hippie Songs haben mir gefallen. Völlig in den Bann gezogen haben mich außer „Hunky Dory“ jedoch „Ziggy Stardust“, „Low“ und „Heroes“.

In der Zeit habe ich auch eine kurze Bowie Biografie von Heinz Rudolf Kunze gelesen. Für ihn war die musikalische Karriere Bowies mit „Let’s Dance“ beendet. Ich glaube, er hätte es besser gefunden, wenn Bowie nach „Heroes“ an einer Überdosis gestorben wäre. Ich fand es damals anmaßend, aber ich meine, Kunze hat Recht behalten. Ich finde, „Let’s Dance“ ist ein Klassiker (der Titelsong ist auch heute noch die beste Eröffnung für jeden Tanztee) und auch die Alben die folgten waren meist hörenswert. Aber sie waren nicht mehr essentiell, jedenfalls nicht für mich. Die gerade veröffentlichte „Darkstar“ könnte eine Ausnahme sein, aber ich habe sie noch nicht oft genug gehört, das Album macht mich so traurig wie der Teddy in einem leeren Kinderzimmer.

Die Tode vieler Musiker sind mir sehr nahe gegangen. Frank Zappa, Captain Beefheart, Lou Reed um nur einige zu nennen. Als ich heute von David Bowie’s Tod hörte, war ich zunächst ähnlich traurig wie zum Beispiel nach dem Tod von Philip Seymour Hoffman, meinem Lieblingsschauspieler.  Im Laufe des Tages merkte ich jedoch, dass die Trauer um Bowie stärker wird, sie ist intensiver und sicherlich länger anhaltender. Das liegt vielleicht daran, dass Bowie über lange Zeit ein Begleiter war. Auch wenn die Alben mich nicht mehr faszinierten, seine Wirkung auf die Popkultur und seine oft unerwarteten Auftritte taten es schon. Zuletzt in Ricky Gervais „Extras“, die beste Folge der zweiten Staffel lebt von einem grandiosen Bowie Auftritt. Er verschwand also nach 1982 nie.

Ein Teil der Trauer um Stars, zumal um Stars die man seit der Jugend bewundert, ist sicherlich das Bewusstsein davon, dass mit diesem Star auch ein Stück der eigenen Biographie verstarb und dass der eigene Tod auch näher rückt . Die Einschläge kommen näher, und ich bin in dem Alter, in dem mit dem Tod von Eltern, Tanten und Onkeln gerechnet werden muss. Danach bin ich in der Generation die als nächstes mit dem Sterben dran ist.

Bei Bowie stammt für mich die Traurigkeit außerdem daher, dass ich ihn niemals kennen lernen werde, niemals seine fantastische tiefe Stimme im persönlichen Gespräch hören werde. Nicht, dass ich ernsthaft geglaubt hätte, dass es jemals dazu kommen würde – auch wenn er noch 100 Jahre gelebt hätte. Aber jetzt besteht nicht einmal mehr die theoretische Chance. Bei keinem Menschen habe ich mich hemmungsloser in eine persönliche Nähe hereinfantasiert wie bei Bowie. Er war wohl unglaublich sympathisch.

Advertisements

11 Gedanken zu „Bowie tot, ganzen Tag geweint

  1. Da Wolf

    Omg, kann dich zu 100% verstehen. Wenn mein Idol, dass mich sooo viele Jahre durch das Hören, Entdecken und Sammeln aufeinmal nicht mehr ist …
    Man identifiziert sich mit der Person und dem Lifestyle schon extrem und fühlt sich auch sehr nahe …

    Antwort
  2. einsiedler

    ich denke nicht, dass david bowie nun “in frieden ruhen” wird. er war überzeugt, wie ich auch, dass in unserem universum nichts verloren geht und er sich auch jetzt nicht langweilen wird.
    meine heroes wie die rolling stones, der beatles-rest, iggy pop, ozzy osbourne, alice cooper, eric clapton, rod stewart und alle anderen, werden sich, einer nach dem anderen, vom acker machen und unsere zeit durch die gleiche pforte verlassen.
    es bleiben ihre songs, die mich mein leben lang begleitet haben.

    Antwort
  3. genova68

    Heinz Rudolf Kunze hat eine Bowie-Biographie geschrieben? Geil.

    Ein schöner Artikel. Ich habe mich mit 13 nur an Bap gewagt und frage mich heute, ob das nicht ein Fehler war, der nicht wiedergutzumachen ist, in Bezug auf musikalische Sozialisation.

    Antwort
  4. hANNES wURST Autor

    Ich halte BAP für eine ebenso gute Möglichkeit der frühen musikalischen Sozialisation.

    Mir ist gerade noch etwas zu Bowie eingefallen. Mit 16 sind wir zu dritt nach Juan Les Pins, damals ein Mekka für junge Hedonisten. Wir kamen in der Nacht an und rollten uns am Strand in die Schlafsäcke. Am nächsten Morgen schlug uns die Sonne wach und wir lagen mitten im Strandgetümmel. Alle drei sahen wir mit unseren sonnengeblendeten Augen als erstes eine wunderschönes Mädchen, 15, vielleicht 16, mit dem Aufdruck „Water Baby“ auf ihrem perfekt gewölbten Badeanzug, über den ihre langen dunklen Locken fielen. Sie war tatsächlich die schönste Frau, die ich jemals von Angesicht zu Angesicht gesehen hatte. Das ging meinen Freunden allerdings genauso und es entstand schnell eine Konkurrenz.

    Ich hatte eine Ghetto Blaster dabei, den ich anstellte – die Kassette war gerade bei „Live on Mars“, der Strand sollte wissen, was ich für einen exzellenten Musikgeschmack habe. Tage später hatten wir uns tatsächlich erfolgreich an Florence – so hieß „Water Baby“ – und ihre Freundin Ariadne herangerobbt, was eigentlich größenwahnsinnig war. Am Abend der Entscheidung schafften wir es tatsächlich, uns mit den beiden am Strand zu treffen, das Testosteron kochte hoch, ich sah keine Chancen für mich, war am jüngsten und am spaddeligsten, aber bei so einer Frau wird man dann manchmal schon wieder mutig.

    Jedenfalls fiel Florence irgendwann mir in die Arme. An die Knutscherei (an mehr dachte ich gar nicht erst) kann ich mich komischerweise gar nicht mehr erinnern, aber ich erinnere mich wie verknallt ich war. Das habe ich David Bowie zu verdanken, wie sie mir sagte, denn Water Baby – die am nächsten Tag schon nichts mehr mit mir zu tun haben wollte, was ich ihr aber nicht ankreiden, so viele Ligen war sie über mir – hatte mich geküsst, weil ich ihr Lieblingslied „Life on Mars“ zum Strand gebracht hatte.

    Mir fällte gerade auf, dass man die Geschichte auch viel kürzer erzählen kann: „Life on Mars“ am Strand gespielt, schöne Frau wählt mich dafür, danke Bowie. Ich werde langsam ein Opa und erzähle endlos von meinen Jugenderlebnissen.

    Antwort
    1. genova68

      Auch eine schöne Geschichte mit Florence und Ariadne. Ich bin mir sicher, sie ist schon in den 80ern von einem französischen Regisseur verfilmt worden. Einer der beteiligten Jungs hieß da Julien. Vielleicht war es Rohmer oder so.

      Antwort
  5. Bersarin

    Ich habe leider Bowie nie richtig geschätzt. Lediglich der thin white duke gefiel mir. Männer in gehäkelten Ganzkörperhöschen fand ich hingegen blöd, zudem paßte das nicht zu meiner Lederjacke und den schwarzen Schnallenstiefeln. Ich bin da ein sehr heteronormativer Hetero, der gerne in seiner Matrix abhängt, wenn es da genügend guten Riesling aus der Pfalz gibt. Oder Saale-Unstrut-Weißburgunder. Aber damals tranken wir noch billiger und Weinfusel. Auch die Girls. Zu Bowie kam ich wie folgt:

    Ich mußte mich mal zum Schulfasching in der Unterprima als Bowie verkleiden. Das Mädchen, in das ich verliebt war, wollte es so. Also ließ ich mir dieses bescheuerte Muster von ihr ins Gesicht malen. Ich versuchte immer, daß sie sich vorbeugte, damit ich beim Anmalen in ihren Ausschnitt gucken konnte, um einen Blick auf ihre Brüste zu erhaschen. Die waren klein, aber hübsch und sehr fest. Wie ich später feststellen durfte. Irgendwann, ein paar Tage später, küßten wir uns. Aber zu „Hotel California“ – eine Musik, die ich schon damals verabscheute, doch da die Party bei einem Kifferhippiefreund – verdampt lang Haar sozusagen – stattfand, mochte ich nicht auch noch über die Musik debattieren. Zumal auch er einen Blick auf die Schulschöne geworfen hatte, zumal es sich zu The Birthday Party und den Neubauten nicht gut fummeln läßt. (Ich bin da in Musikfragen sehr tolerant.) Aber da ich bereits auf Klassenfahrt mit ihr in Rom war, hatte ich einen Vorteil und der Auftakt geriet so wie ich es mir vorstellte. Der Frau zuliebe hörte ich mir bei ihr auch ihre Bowie-Songs an. Irgendwann zum Ende der Schulzeit gingen wir unterschiedliche Wege. Wie auch Bowie uns zeigte, daß Leben eine große Rolle ist, die wir ständig wechseln können und müssen.

    Daß Bowie die nächsten Tage sterben würde, habe ich übrigens gewußt, als ich auf Kulturzeit Ende Dezember sein Blackstar-Video sah. Das war für mich glasklar zu sehen. Mit böse-schalkhaftem Blick hat er sich von uns verabschiedet. Mit dem Tod von Achim Mentzel hingegen hatte ich nicht gerechnet.

    Antwort
    1. hANNES wURST Autor

      Schön, mal wieder von Ihnen zu lesen, lieber Bersarin, aber wenn Sie „Hotel California“ nicht mögen, haben Sie eigentlich keine Knutsche verdient. Sagen Sie bloß „Good Vibrations“ lässt Sie auch kalt, dann sind Sie vielleicht ein Bot. Ein Blogbot der denkt, er wäre ein Mensch, aber in Wahrheit existiert er nur als Blogmaschine. Er glaubt, er hätte Eagles und Beach Boys gehört. aber er durfte sie nur googlen und sich eine Meinung ausrechnen.

      Antwort
  6. Bersarin

    Beach Boys sind gut, weil das ist Surf- und Autofahrmusik. (Wobei ich in meinem Alter weder surfe noch skate.) Die Sache mit der Blogmaschine – da bin ich mir beim selbstreflexiven Philosophieren und bei der Putnam-Leetüre nicht so sicher. Aber vielleicht bin ich ja auch Florence and the Machine. Geldmäßig würde es sich zumindest lohnen.

    Antwort
    1. hANNES wURST Autor

      Vielleicht sind Sie auch so etwas wie der Medicus? Nur dass Sie keine Person berühren müssen, um ihren Tod zu ahnen, sondern Sie müssen nur ein Video von ihr sehen. Auch das ließe sich sicherlich zu Geld machen.

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s