Theorien zum Weltuntergang (21. – 23.12.2012)

Ich habe wieder eine Leserzuschrift erhalten:

Euer hochwürdigster Herr wURST,

ich wende mich in der Stunde der tiefsten philosophischen Not an Sie. Ich bin höchst verwirrt angesichts der bitteren Prognose, die mir zum 21.12.2012 gestellt wurde. Was heißt das eigentlich, „Weltuntergang“? Betrifft die Sache auch mich ganz persönlich? Ich habe die Werke Hegels, Heideggers, Adornos, Bernhards und die vieler anderer Propheten zu Rate gezogen, komme jedoch zu keinem Schluss. Sie, Herr wURST, da Sie ja auch Gott sind, und Papst, und auch König, Präsident und Lordkanzler, brauchen nur ein Wort zu sprechen, und meine Seele wird gesund.

Mit größtem Respekt und bewundernder Hochachtung verbleibe ich als Ihr niedrigster und treuester Diener in demütiger Hoffnung

– Sarin B., Fennpfuhl

Ich erhalte viele Briefe dieser Art zu vielen Themen, aber dieser war ganz besonders verbindlich und wenn er auch die eine oder andere Ehrerbietung zu viel enthält so behandelt er doch eine Frage, die ganz aktuell und philosophisch gar nicht so unergiebig ist.

Fassen wir zum Thema „Weltuntergang am 21. – 23.12.2012“ erst einmal die unstreitigen Fakten zusammen. Vor tausenden von Jahren haben irgendwelche Wilden einen Kalender erfunden, dessen Datumsvorrat zwischen dem 21.12. und 23.12.2012 erschöpft sein wird. Einige Menschen hatten den Einfall, dass dies auf einen bevorstehenden Weltuntergang hindeuten könnte.

Ungeachtet dieser dürftigen Quellenlage soll im Folgenden diskutiert werden, ob und wie ein Weltuntergang im Kontext der Maya-Prophezeiung eigentlich denkbar ist.

Theorie 1: Der Beginn des Weltuntergangs

In dieser Theorie gehen wir davon aus, dass ein Weltuntergang eigentlich ein Menschheitsuntergang ist, der Weltuntergang ist die Vernichtung allen menschlichen Lebens auf Erden. Ein plötzlicher, unvorhergesehener Weltuntergang, der jetzt noch drei bis sechs Tage hätte, sich zu entfalten, ist kaum denkbar. Würde ein kosmisches Ereignis bevorstehen, zum Beispiel eine Kollision der Erde mit einem anderen Himmelskörper, dann wäre dies längst prognostiziert worden. Auch eine Naturkatastrophe nach dem Vorbild der Sintflut wird schwerlich alle Menschen bis zum Heiligen Abend vernichten können.

Was aber möglich wäre ist, dass in den nächsten Tagen das Ende der Menschheit besiegelt wird, zum Beispiel, weil der Ausstoß an Treibhausgas endgültig eine Schwelle erreicht hat, die keine Reparatur mehr erlaubt. Am 21. bis 23. würde also der Beginn des Weltuntergangs eintreten. Unspektakulär, denn wir haben uns an die Zerstörung unserer Lebensgrundlage gewöhnt, aber durchaus nicht unrealistisch. Der Zusammenhang mit dem Maya-Kalender ist jedoch nicht einzusehen.

Theorie 2: Das Ende der Zeit

Nimmt man das Ende des Kalenders wörtlich, dann müsste die Zeit in den nächsten Tagen einfach enden. Dazu findet sich auch im deutschen Sprachraum eine Prophezeiung aus dem 19. Jahrhundert:

Da schliefen auch die Pferde im Stall, die Hunde im Hofe, die Tauben auf dem Dache, die Fliegen an der Wand, ja, das Feuer, das auf dem Herde flackerte, ward still und schlief ein, und der Braten hörte auf zu brutzeln, und der Koch, der den Küchenjungen, weil er etwas versehen hatte, in den Haaren ziehen wollte, ließ ihn los und schlief. Und der Wind legte sich, und auf den Bäumen vor dem Schloß regte sich kein Blättchen mehr.

Jedoch gibt es keinen Hinweis auf die Möglichkeit eines solchen „Zeitende“ Phänomens außerhalb eines Schwarzen Loches. Es müsste also schon spontan ein Schwarzes Loch entstehen (zum Beispiel im Large Hadron Collider) oder eine Zauberfee auftauchen um diese Prophezeiung wahr zu machen. Diese Theorie kann also ebenfalls als nicht plausibel verworfen werden und wurde nur angeführt, um zu demonstrieren, auf welche unglaublich bescheuerte Ideen manche Menschen kommen.

Theorie 3: Der subjektive Weltuntergang

Diese Theorie bewahrheitet sich zumindest für die 150.000 Sterbefälle, die weltweit pro Tag durchschnittlich zu verbuchen sind. Da wir über drei potentielle Weltuntergangstage reden, sogar für ca. 450.000 Sterbefälle. Zwar kommt hier ein Urnenmodell mit bedingten Wahrscheinlichkeiten zum Tragen, doch hat jeder Mensch sein Los in der Sterbefall-Lotterie. Daher wird es wahrscheinlich einige Esoteriker/Innen geben, die am 21.12. zum Beispiel einen schweren Unfall erleiden und jedoch das Glück haben, im Moment ihres letzten Hauches die Weltuntergangstheorie bestätigt zu sehen.

Das zieht natürlich sofort gewisse Fragen über die Natur des Todes nach sich. Wenn die verstorbenen Esoteriker sich in einer Art Jenseits wiederfinden, könnte doch noch – angesichts der Tatsache dass die Welt offensichtlich weiterexistiert – eine Enttäuschung bei den Esoterikern eintreten. Erst recht, wenn sie mit einer Harfe ausgestattet über Wolken fliegen müssen und beobachten, dass unten auf der Erde das Treiben am 24.12. munter weitergeht.

Dies ist jedoch sehr unwahrscheinlich, wenn man meine aktuellen Ergebnisse zur Todesforschung heranzieht. Demnach gleicht der Tod einer unglaublich schnellen Reise mit unbekanntem Ziel. Tatsächlich sind utopische Zeiträume wie zum Beispiel eine Milliarde Jahre, oder sogar 1000 Billiarden Jahre, für die Toten bequem zu durchqueren. Es kostet sie keinen Wimpernschlag. Das ist gut, denn so bekommen die verstorbenen Esoteriker gar nichts davon mit, dass die Welt nach dem 21.12. vielleicht weiterexistiert und sie merken auch nichts vom Untergang der Menschheit, von der Supernova die die Erde verschlingt, von der Erstarrung oder der Implosion des Universums. Sie gleiten in unendlicher Geschwindigkeit durch die Zeit und raffen gar nichts mehr, noch weniger als zu Lebzeiten, und es kann höchstens sein, dass nach Milliarden, Fantastilliarden von Jahren plötzlich ein wirr dreinblickender Mann vor Ihnen steht, mit einem Schäferstock in der Hand, und also spricht: „Ich habe es Euch doch gesagt.“ Ist es Nietzsche, ist es Zarathustra? Unbekannt.

Nun fragen Sie sich vielleicht, was diese zufälligen Todesfälle mit der Prophezeiung eines Weltuntergangs zu tun haben. Ganz einfach: vielleicht war es gar keine Prophezeiung eines Weltuntergangs, sondern eine ganz persönliche Prophezeiung Ihres eigenen Todes. Sie denken vielleicht, die ganze Welt liest und redet doch davon, der 21.12. ist ein Thema, das sehr viele Menschen beschäftigt. Aber nein, es sind nur einige hunderttausend, die anderen bekommen gar nichts davon mit und leben unbehelligt ihr Leben weiter. Diese anderen Menschen erhalten ihre eigene Prophezeiung noch.

Es ist nur eine Theorie, und sie wäre tröstlicher, wenn sie nicht so verdammt gut wäre. Also: trinken Sie in den nächsten Tagen den guten Wein, den Sie seit Jahren aufbewahren. Schreiben Sie ein paar Briefe. Vielleicht treffen Sie sich noch einmal mit dieser ganz speziellen Person, an die Sie jetzt denken, wenn Sie daran denken welche Person Sie schon so lange nicht getroffen haben obwohl sie ihnen so sehr am Herzen liegt. Und natürlich: beten Sie, hoffen Sie, und finden Sie Trost in der Gelassenheit, die Sie Ihrer eigenen Lebensgeschichte entnehmen.

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15 Gedanken zu „Theorien zum Weltuntergang (21. – 23.12.2012)

  1. Pingback: Die Tonspur zum Sonntag beziehungsweise zum Tag des 23.12.2012 « AISTHESIS

    1. hanneswurst Autor

      Tja Weltuntergang – verstehste? In Wahrheit habe ich einfach keine Ideen. Oder keinen Drang. Vielleicht liefere ich demnächst aber ein Remix über Deodato ab.

      Antwort
  2. Bersarin

    Wo ist Ihr altes Logo geblieben, das gleichsam als ihr Alter Ego firmierte? Typographisch war das genial konzipiert. Sie hätten sich dieses Logo unbedingt schützen lassen müssen. Ich verweise hier nur auf die Tatze der taz und auf die Raubritter von Jack Wolfskin. Anstatt eigene Ideen zu entwickeln, wird von anderen geklaut. Und vorher noch sich das Geklaute als Marke sichern.

    Ich hoffe, Ihrem Logo ist es nicht ebenso ergangen.

    Antwort
  3. Bersarin

    Asteroide ziehen an der Erde vorbei, Meteoriten schlagen auf der Erde ein und zerstören Hoffnungen und Landschaften. Ihr Logo verschwinden plötzlich und dann taucht es wieder auf. Von Ihnen hört und liest man in Ihrem Blog nichts mehr und sie geben sich als Deus absconditus. Langsam dämmert mir, daß der Untergang tatsächlich naht. Dies ist kein ästhetisches Spiel mehr, sondern es handelt sich um Zeichen.

    HErr: ich werde hinausgehen in die Welt und Deine Lehren verbreiten und verkünden! Und ich werde mir Jünger suche, die mir helfen, Deine Lehre in die Welt zu tragen. Und noch Jüngere: so wie Lara, Laura, Paula, Charlotte, Sophie, Mara. Sie alle werden mich begleiten, und wir sprechen in DEINEM Namen.

    Antwort
    1. hANNES wURST Autor

      Lieber Bersarin,

      vielen Dank für Ihre freundliche Anteilnahme. Wussten Sie, wie viele Samenzellen der Mann am Tag ungefähr produziert? Es sind ca. 100 Millionen. Das ist immer noch effizienter als die Anzahl der Gedanken, die täglich sinnlos durchs Internet zucken. Aber ich möchte nicht in das Klagelied einstimmen, in das auch Sie gelegentlich verfallen. Es ist vielmehr so, dass der Meteorit scheinbar nicht einschlug, jedoch alle Themen aus meinem Gehirn ab und mit sich gezogen hat, die mir für mein Blog einfallen könnten.

      Ich würde gerne den Sinn des Universums weiter diskutieren oder für meine armen Schäfchen einiges Erbauliches über die Seele, das ewige Leben usw. berichten, aber ich finde derzeit keinen Ansatz und beschränke mich daher auf das Kommentieren der Ideen Anderer. Außerdem hat meine Frau mich in ein Jugendzimmer verbannt und die morgendlichen Erektionen bleiben aus – ganz klar, das sind die Wechseljahre.

      Ich möchte übrigens noch einmal betonen, dass Sie genauso Gott sind wie ich. So ist das im Pantheismus, der meiner Meinung nach durchaus mit dem christlichen Glauben kompatibel ist. Ein Esel und ein Pferd sind zusammen drei.

      Herzlichst, Ihr h. wURST

      Antwort
  4. Motherhead

    Übrigens sieht die Wurst in Ihrer Aufmachergrafik (gibt es dafür einen Fachbegriff?) sehr lecker aus.
    Wo bekommt man die?

    Ich habe es schon in mehreren Metzgereien versucht, aber nirgendwo hatte sie diese schöne Phallus-Form wie bei Ihnen,
    Herr Wurst.

    Antwort
  5. Motherhead

    Hennesche, wat iss denn loss met he? Do hess do früher immä su lustisch Soch jeschrieve!
    Kütt denn do joh nix mä?

    Antwort

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