Der Dämon, das Sein und der Tod

Der Dämon, der mich besuchte, sah aus wie eine Kuh mit einer nilpferdartigen Haut auf zwei Beinen. „Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen.“ kam er direkt zur Sache. „Sie wissen es noch nicht, aber Sie haben Krebs. Ihr unangenehmer Reizhusten wird von einem Tumor hervorgerufen, der jetzt bereits die Größe eines Taubeneis hat. Der Tumor liegt günstig: er konnte seine Ableger über die Lymphbahnen bereits in beinahe jedem Organ Ihres Körpers unterbringen. Gehen Sie möglichst bald zum Arzt. Ihnen stehen eine oder mehrere Operationen, eine quälende Chemotherapie und eine Bestrahlung bevor. Mit diesen Maßnahmen haben Sie vielleicht noch 18 Monate zu leben. Keine besonders schönen 18 Monate, möchte ich meinen.“

Mit verschränkten Vorderbeinen glotzte der Kuh-Dämon mir zufrieden ins Gesicht.

„Nun, ich bin froh, dass ich dann wohl nicht aus der Zahl der Lebenden scheide, ehe ich sterbe.“ sagt ich etwas schnippisch.

Stumpf und bös fixierte er mich: „Aber Sie wissen nicht einmal, ob Sie überhaupt schon leben oder ob Ihr eigentliches Leben erst noch kommen wird. Der Tod wird alle Möglichkeiten einebnen.“

Ich antwortete: „Der Tod geht mich eigentlich nichts an. Denn wenn er ist, bin ich nicht mehr, und solange ich bin, ist er nicht.“

Angestrengt glotze der Dämon mir ins Gesicht, ich hörte beinahe, wie der Groschen – ganz langsam – fiel. „Nun, das klingt fast, als hätten Sie das Angebot antizipiert, das ich Ihnen jetzt zu machen gedenke. Ich biete Ihnen an, den Krebs ungeschehen zu machen. Er würde so unbemerkt verschwinden, wie er entstanden ist.“

„Was ist der Preis?“

„Der Preis ist für Sie, wenn ich Ihre gelassenen Äußerungen zum Tod ernst nehmen kann, eigentlich keiner. Ich werde Ihren Krebs heilen, aber eines Tages werden Sie dennoch sterben.“

„So it goes.“

„Das ist richtig und sterben müssen wir alle. Ich werde nichts damit zu tun haben.“

„Und der Haken bei der Sache? Muss ich Ihnen meine Seele verkaufen?“

„Nein, hahaha“ der Dämon schüttelte sein nilpferdhäutiges Gesicht, „Seele – also keine Ahnung, was sie damit meinen. Sie verkaufen mir etwas anderes, und zwar Ihre Existenz.“

„Wie genau habe ich das zu verstehen?“

„Nun, in dem Moment, in dem Sie sterben, wird der Lauf der Welt modifiziert. Sie als Person werden nie existiert haben, in der Tat werden Sie nie gezeugt. Da Sie weder Frau noch Kinder haben, sind die Auswirkungen auf Ihren Stammbaum gering.“

„Aber vielleicht werde ich Kinder haben.“

„Kann sein.“ Er guckt sich in meiner Wohnung um. „Sie bräuchten nur einige Bierflaschen zurückgeben und hätten den Platz dazu. Aber verstehen Sie mich bitte richtig. Ich bin der Dämon, der den Lauf der Welt ändern kann. Unsere Abmachung wäre: Ihre Existenz wird aufgehoben, wenn Sie sterben. Der Lauf der Geschichte wird sozusagen zurückgedreht und die Realität setzt kurz vor Ihrer Zeugung neu auf. Ich verhindere nur die Zeugung. In dieser Realität wird es Sie nie gegeben haben, und natürlich auch keine Ihrer Beziehungen oder Nachkommen.“

Ich musste nicht lange nachdenken. „So großzügig Ihr Angebot erscheint, ich muss es dennoch ausschlagen. Lieber möchte ich einen qualvollen Tod sterben, als ein Leben zu leben, das nie existiert hat.“

„Aber es existiert doch für Sie!“ Der Dämon schnaubte sichtlich verärgert. „Als Mensch leben Sie im hier und jetzt, getrieben von Ihrer Erfahrung und Ihren Erwartungen. Nach Ihrem Tod hat all dies keine Bedeutung mehr. Wieso lehnen Sie es ab, aus ungeschriebenen Büchern gestrichen zu werden? Meinen Sie etwa, diese Welt wäre ohne Sie eine schlechtere Welt?“

„Nein, ich habe mich aus rein egoistischen Gründe entschieden, Ihr Angebot auszuschlagen. Selbst im Tausch gegen 1000 glückliche Lebensjahre würde ich meinen Platz in der Realität nicht räumen.“

„Sie Tor! Sie rezitieren Seneca und Epikur, um mir dann mit dieser Dummerei zu kommen?“

„Ich gebe zu, meine lässige Haltung zum Leben hat plötzlich stark nachgelassen. Das habe ich Ihnen zu verdanken. Vielleicht lebe ich nur noch einige Monate, aber mir ist plötzlich klar geworden, wie viel mehr ich verlieren könnte, als das Leben. Dagegen scheint mir ein früher Tod leicht zu ertragen. Ich ordne mein Dasein meinem In-der-Welt-Sein unter. Ich verfalle nicht länger der Angst vor dem Sein und lebe was mir bleibt in Eigentlichkeit.“

Der Dämon hob zum Gegenargument an, hielt dann aber genervt inne. Wie viel Zeit hatte er schon mit Gesprächen dieser Art verschwendet? Warum hatte man gerade ihm die Aufgabe übertragen, die unnötigsten Menschen auf Erden zur Existenzrevidierung zu überreden? Diese neurotischen Querulanten, Wichtigtuer und Narzissten? Diese Körnerfresser, Quatschköpfe und Blogschreiber? Er rieb sich die müden Kuhaugen und verschwand ohne ein weitere Wort zu sagen.

Advertisements

18 Gedanken zu „Der Dämon, das Sein und der Tod

  1. Bersarin

    Der Dämon (oder daimon) hat recht und Sie haben unklug gehandelt, ihn derart zu vertreiben. Ich habe versucht, den daimon günstig zu stimmen, aber es nützte nichts. Ich weiß nicht, warum Sie derart starrköpfig sind. Andererseits kann ich sie verstehen. Die Existenz geht ja bekanntlich der Essenz voraus. Aber ist das wirklich ein Argument?

    Antwort
    1. hANNES wURST

      Auch als Idealist will ich existieren. „Existenz“ hat keinen Anfang und kein Ende, nur einen Wahrnehmungsanfang und ein Wahrnehmungsende. Eine dämonisch aufgehobene Existenz ist keine Existenz und nicht einmal eine Illusion mehr. Ein Dasein ohne Existenz hätte für mich daher keinen Wert. Ich würde an Realitätshunger sterben.

      Antwort
  2. #?!@"?

    Scheint mir ein schlechter Deal. Was nützt es, wenn man einen komprimierten Sterbeprozess mit einem lang gezogenen ersetzt. Und wer weiß wie der dann endet. Bei so einem kuhäugigen Dämon wär ich ja skeptisch. Der hat sicher nichts gutes im Sinn.

    Antwort
  3. Motherhead

    Hennes, du bess doch wull niet krankg, wa? Bess do krang? Do kunnst ons getz doch niet hee alleen losse! Mit wemm sull isch donn zokünftisch Fostelavond fiere? Wa, Hennesche? Meld disch mol!

    Antwort
  4. Bersarin

    Ja, ich hoffe auch, daß Sie nicht ernsthaft krank sind. Insbesondere, weil Sie in Ihrem Text so nah an Heidegger gebaut sind.

    Ihre Definition von Existenz ist sehr interessant. Ich werde darüber nachdenken. Der Untertitel Ihres Blogs paßt hier einmal wieder ganz ausgezeichnet.

    Ein wenig sorge ich mich schon um Sie.

    Antwort
    1. hanneswurst Autor

      Wie könnten Sie sein ohne Sorge. Erst angesichts des Todes erfasse ich mein Dasein als Person mit einer Vergangenheit und einer eigenen Zukunft. Die Angst vor dem Tode macht mir die Einzigartigkeit jedes Augenblicks klar. Oh süßer, gnädiger Tod, sei Du mir Bett und Decke zugleich und besiegle meine Existenz in Ewigkeit. Amen.

      Antwort
      1. Motherhead

        Lieber Bersarin, ich kann Sie beruhigen:
        hanneswurst ist nicht kränker und nicht gesünder als eine Bockwurst im kochenden Wasser. Allerdings um ca. den Faktor 1 Million mal intelligenter. Zu seiner Schmackhaftigkeit weiß ich nichts zu berichten.

        Antwort
      2. hANNES wURST

        Vielen Dank für dieses schöne Kompliment, auch wenn es natürlich nicht sehr viel bedeutet, „Faktor 1 Million“ mal intelligenter als eine Bockwurst im kochenden Wasser zu sein, denn diese hat sehr wahrscheinlich einen IQ von Null, und wie sagen die von d’r Kaygass: et bliev Null. Aber ich bin mir sicher, Du meinst es nur gut, mother.

        Antwort
  5. Motherhead

    Genau darüber, ob eine Bockwurst einen IQ hat, habe ich mir auch Gedanken gemacht. Aufgrund einer auf die Kürze nicht darstellbaren Arithmetik bin ich zu dem Schluss gekommen, dass sie einen IQ zwischen 0,000140 und 0,000160 haben müsste.

    Dass auch Bockwürste über Intelligenz verfügen, erschließt sich meiner Meinung nach schon dadurch, dass Bockwürste eine Reaktion zeigen, wenn es ihnen zu heiß wird.
    Das ist zum Beispiel bei meiner Wurst, die auch bei großer Hitze und hoher Feuchtigkeit keinen Bock hat, z. B. nicht der Fall, weswegen ich davon ausgehen muss, dass sie über keinerlei Intelligenz verfügt.

    Antwort
  6. Motherhead

    Hennesche, do moss och mal wigger ne Artikkelsche schrieve. Moch do mol! Do weeß doch, we jern wir den Krembel lese donn!

    Wat bess do denn do so fies vöör?

    Antwort
    1. hANNES wURST

      Dass Du mehr willst von dem geilen Stoff kann ich verstehen, das Blog dient mir jedoch lediglich als Überdruckbehälter in psychotischen Phasen, und da ich momentan ausnahmsweise alle beieinander habe ist leider nichts zu erwarten. Außer einem Lied, das fast fertig ist und hier demnächst geil und laut veröffentlicht wird.

      Antwort
  7. Motherhead

    Hennes, iss dei Lied getz mol bald feddisch? Du weeßt doch, we jern wör disch spiele hörrn! Wat wor dat ne Spass, wenn wör beem Onkel Adolp fröher zamme Mussik gemät hänn! Wa, Hennesche?

    Antwort
  8. Motherhead

    An der wurst eines mannes
    erkennt man seinen hannes.

    HAHAHAHAHAHA, ick lach mich schlapp, ik lach mich schlappappapapapapp!!!!

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s