wURSTs philosophisches Wörterbuch: „Kunst“

„Kunst“ ist ein Kommunikationsprozess der Inhalte vermittelt, die ohne diesen Kommunikationsprozess nicht oder nur schwieriger vermittelbar sind.

(modifiziert nach „David“, siehe Kommentarteil)
(erneut modifiziert am 13.1.2013, Version 0.93)

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16 Gedanken zu „wURSTs philosophisches Wörterbuch: „Kunst“

    1. hanneswurst Autor

      Das habe ich ihm ja schon ins Blog geschrieben:

      http://bersarin.wordpress.com/2012/01/19/einige-grundsatzliche-bemerkungen-zu-den-begriffen-genus-geschmack-und-gefallen/

      (erster Kommentar), er ist nonchalant darüber hinweggegangen. Kunst ist eine sehr persönliche Sache, das muss auch jemand einsehen, der sie (aus persönlichen Gründen) ontologisch fundieren will. Ich habe schon die merkwürdigsten Kriterien für Kunst gehört, Quatsch wie „Schöpfungshöhe“, „nicht für den Gebrauch gestimmt“ usw. Meine Definition ist eindeutig die brauchbarste. Ein Kunstwerk, das etwas vermittelt was anders in der gleichen Qualität und gleichzeitig ökonomischer vermittelt werden kann (was zugegebenermaßen bereits schwer zu beurteilen ist), wird dadurch abgewertet (was nicht bedeutet, dass es dann gleich keine Kunst mehr ist).

      Kunst ist ein Kommunikationsakt, sie stellt Bezüge her, und wenn es nur Selbstbezüge sind. Was sollte dabei wichtiger sein, als die Darstellungsqualität und die Effizienz des Bezugs.

      Antwort
  1. genova68

    So hundertprozentig ausgereift scheint mir diese Definition auch nicht. Ein „Kommunikationsakt“ ist ja nun so ziemlich alles, auch das, was wir hier gerade machen. Außerdem fehlt der groove-Begriff, ohne den eine zeitgenössische Kunstdefinition nicht mehr auskommt.

    Es wird jedenfalls Zeit für eine Generalüberholung der Adornoschen Ästhetik, vor allem die lust- und sinnenfeindliche Komponente muss verbessert werden. Schluss mit der Schönbergscheiße.

    Antwort
    1. hanneswurst Autor

      Ich meine nicht, dass Kommunikation immer Kunst ist. Sie ist nur in sehr speziellen Formen Kunst, nämlich dann, wenn Sie etwas vermittelt, was nicht so leicht effizienter vermittelbar ist. Nun könnte man sagen, dass damit jeder profane Sprachfetzen, zum Beispiel „Achtung!“ zur Kunst wird. Prinzipiell stimmt das auch, der Erfinder des Achtung-Rufes hat in grauer Vorzeit ein Kunstwerk erschaffen. Die endlosen Reproduktionen dieses Rufs kann man jetzt nicht mehr als Kunstwerk sehen, ähnlich wie die Abbildung eines Gemäldes nicht mehr das Gemälde ist. Richtig ist aber, dass jeder Buchstabe, jedes nicht überflüssige Wort für sich ein Kunstwerk ist.

      Der „groove“ Begriff ist mir in diesem Zusammenhang unbekannt. Deinen letzten Absatz kann ich unterschreiben.

      Antwort
    1. hanneswurst Autor

      Ein gängiger Definitionsversuch, auch bekannt als „Kunst ist was im Museum hängt“. Dem kann ich jedoch nicht zustimmen. Die Wertschätzung des Werks korreliert möglicherweise, aber nicht zwingenderweise mit der künstlerischen Qualität. Van Gogh war vor seinem Tode nur in bestimmten Zirkeln bekannt, verkauft hat er wenig. Kafka hat nur wenige Erzählungen veröffentlicht, unter 10.000 Exemplare von „Die Verwandlung“ verkauft. Die damalige eher spärliche Aufmerksamkeit schmälert jedoch sicherlich nicht das künstlerische Werk. Man könnte die künstlerische Qualität demokratisch auslegen, und also darüber abstimmen lassen, was große Kunst ist und was nicht. Oder man könnte meritokratisch herangehen und die Experten entscheiden lassen. Ich meine, dass dies wiederum meine Definition zum Ergebnis hätte, denn was das Volk oder die Experten in der Kunst sehen wollen, ist eben das Besondere, was meine Definition beschreibt.

      Antwort
    1. hanneswurst Autor

      Schwierige Frage. Ich meine, dass Kierkegaard in der Kunst vor allem den selbstreflektierten Ausdruck des menschlichen Scheiterns sieht. Als Steigerung der Religion stellt die Kunst auch einen Weg der Überwindung des Scheiterns dar.

      Ich möchte aber hervorheben, dass auch diese ästhetische Sicht mit meiner Definition voll und ganz vereinbar ist und stelle fest, dass mein Satz weiterhin gültig bleibt.

      Antwort
  2. David

    Es gibt da Probleme; zum einen hat jedes Werk und jede Handlung das Potential, eine bestimmte Information exklusiv zu vermitteln, denn dies kann einfach durch entsprechende Verabredungen sichergestellt werden. Wahrscheinlich wäre jedes Paßwort nach der vorgeschlagenen Definition bereits Kunst, und nicht nur jedes Paßwort, sondern alles, das Paßwort sein könnte.

    Natürlich ist das so nicht gemeint. Es muß um Information gehen, die unabhängig von speziellen Verabredungen, sozusagen in einem ‚gewöhnlichen‘ Kontext vermittelt werden kann.

    Aber auch dann gibt es noch Probleme.

    Denn um zu zeigen, daß ein Werk oder eine Handlung A Nicht-Kunst, also nicht in der Lage ist, Information zu vermitteln, die Nicht-Kunst nicht oder nur schwieriger vermitteln kann, müßte man ein Werk oder eine Handlung B vorweisen, die Nicht-Kunst ist und die gleiche Information einfacher oder genauso einfach vermittelt. Dafür muß man aber wiederum zeigen, daß B Nicht-Kunst ist, wofür ein Werk oder eine Handlung C aufzuzeigen wäre, die die gleiche Information vermittelt, usw. ad infinitum. Das bedeutet letztlich, daß man, wenn all diese unendlich vielen Werke oder Handlungen fertig präsentiert wären, frei entscheiden könnte, ob man sie alle zur Kunst erklären möchte oder alle zur Nicht-Kunst. Von einer Definition kann dann selbstverständlich nicht mehr die Rede sein.

    Das Problem liegt natürlich darin, daß die Definition den definierten Begriff bereits voraussetzt. So kann das also schon aus simplen formalen Gründen nicht klappen. Versuchen sollte man es, wenn man die Definition denn retten will, also mit

    “Kunst” ist ein Werk oder eine Handlung, welche das Potential hat Information zu vermitteln, die anders als durch dieses Werk oder diese Handlung nicht oder nur schwieriger vermittelbar ist.

    Mir scheint auch, daß von der eigentlichen Stoßrichtung dabei nichts oder nicht viel verloren ginge.

    Antwort
  3. hanneswurst Autor

    Vielen Dank für den Hinweis auf den augenscheinlichen Regress, die Definition habe ich Ihrem Vorschlag folgend angepasst.

    Dass die Definition keine Schöpfungshöhe und auch allgemein keine bestimmte Qualität oder Quantität der Information voraussetzt, wurde schon diskutiert. Alle Definitionen von Kunst die ich kenne scheitern gerade an dem Anspruch, dass Kunst etwas wie auch immer „Besonderes“, „Wertiges“ oder gar „Überzeitliches“ sein muss. So werden dann die politischen Reden Ciceros als Nicht-Kunst bezeichnet, weil sie einen bestimmten Zweck verfolgen – was die Kunst nicht darf. So ein Schmarrn.

    Das erste Passwort, oder die Erfindung des Passwortes, war sicherlich hohe Kunst. Inzwischen ist diese so oft repliziert worden, dass eine einzelne Passwortinstanz uns nicht mehr wie Kunst vorkommt.

    Es wird ja nicht definiert, was Kunst zu besonders „hochwertiger“ Kunst macht, da dies subjektiv ist. Sehe ich ein Gemälde und verspüre plötzlich ein ungekannte oder zumindest unbewusste Sehnsucht, dann ist dieses Werk für mich sicherlich besonders wertvoll, da eine Information vermittelt wurde, die ich vorher nicht kannte und die mir daher sicherlich auch schwer vermittelbar ist. Wenn dieses Gemälde nur mir und sonst keinem anderen Menschen überhaupt etwas vermittelt, dann schmälert dies nicht die Kunstqualität. Um also überhaupt Kunst zu sein, muss das Werk oder die Handlung nur einem Menschen einmal etwas effizient vermittelt haben – womit tatsächlich jeder Kommunikationsakt Kunst sein kann.

    Nicht-Kunst sind dagegen zum Beispiel rein dekorative, redundante Dinge.

    Antwort
  4. David

    Das erste Passwort, oder die Erfindung des Passwortes, war sicherlich hohe Kunst. Inzwischen ist diese so oft repliziert worden, dass eine einzelne Passwortinstanz uns nicht mehr wie Kunst vorkommt.

    Das erfordert jedoch deutlich mehr Abstraktion als im Fall des „Achtung!“-Rufes nötig war. Dort ging es um ein bestimmtes Wort und eine bestimmte Information, die in dieser Kombination konventionell geworden sind. Im Fall des Paßwortes geht es um beliebige Ausdrücke mit beliebig zugeordneter Information. Je nach vorhergehender Verabredung kann im Prinzip jeder Ausdruck (jedes Werk, jede Handlung) jede Information vermitteln.

    Antwort
    1. hanneswurst Autor

      Wenn ich Sie richtig verstehe, dann geben Sie zu bedenken, dass ein unbedeutend erscheinender Kommunikationsprozess – beispielsweise die Mitteilung eines Passworts – einen wesentlich komplexeren (vorher vereinbarten) Kontext aktivieren kann, was jedoch nur funktioniert, wenn eine entsprechende Vereinbarung getroffen wurde. Sie verlangen einen Ausdruck der Kontextunabhängigkeit von Kunst – welchen die gegebene Definition nicht leistet.

      Ich halte Ihr Argument keineswegs für nicht plausibel, meine aber dennoch, dass diese Argumentation ein Argument der schiefen Ebene hin zur Undefinierbarkeit der Kunst ist (was ja keine Katastrophe wäre, jedoch den Gegenstand dieses Blogeintrags aufhebt).

      Kunst funktioniert häufig durch Reduktion, und arbeitet dadurch bestimmte Aspekte einer schwer darstellbaren Information heraus. Diese Information ist keineswegs kontextunabhängig sondern natürlich von der Gesamtkonstruktion des Betrachters abhängig. Ein Punkt auf einem weißen Hintergrund kann bei einem Betrachter einen sehr komplexen Kontext aktivieren. Das wurde vielleicht nicht wie bei dem Passwort direkt verabredet, jedoch zum Beispiel durch Kultur, bestimmte Gemeinsamkeiten usw. erreicht.

      Wird der Punkt jetzt beliebig reproduziert, dann kann insgesamt immer noch nur von einem Kunstwerk geredet werden – denn die weiteren Instanzen vermitteln die Information nicht effizienter als die erste Instanz. Der Passwort-Mechanismus ist insofern auch nur ein einziges Kunstwerk, die individuell verschiedenen Passwörter fügen dem Kontext keine Information hinzu (zumindest keine, die potentielle Kunst wären).

      Man kann vielleicht behaupten, dass Kunst, die weniger kontextabhängig ist und dadurch viele unterschiedliche Menschen erreicht, eine höhere Güte hat. Die Definition handelt jedoch nicht von der Qualität der Kunst, sondern davon, was Kunst überhaupt ist. Außerdem wäre dieses Gütekriterium auch anzuzweifeln, da ja oft gerade diejenige Kunst den Betrachter besonders weit bringt, welche ihn besonders speziell anspricht.

      Antwort
  5. Bersarin

    Zur Kunst gehört auch der Kommunikationsprozeß: all die Diskurse über Kunst, die Fragen der Rezeptionsästhetik. Aber darin erschöpft sich Kunst nicht. Keine Kommunikation ohne Kommuniziertes samt dessen Strukturierung.

    Die Beantwortung der Frage „Was ist das: die Kunst?“ nehme ich demnächst in meinem Blog vor.

    Antwort
    1. hanneswurst Autor

      Kunst IST ein Kommunikationsprozess, im mindesten ein Kommunikationsprozess des Künstlers mit sich selber. „Kommuniziertes“ – also das Medium, das die Kommunikation transportiert, ist das Kunstwerk. Weitere strukturelle Voraussetzungen existieren nicht, sie können höchstens untersucht werden, um einen Qualitätsmaßstab zu konstruieren oder das Werk an diesem zu messen. Jeder Interessierte, der Ockhams Methode begrüßt, wird auch meine Definition begrüßen.

      Antwort
  6. Bersarin

    Wenn dem so wäre, unterschiede sich das Kunstwerk nicht von einem Besuch beim Zahnarzt. Die Zahnreparatur ist ebenfalls ein Kommunikationsprozeß.

    Antwort
    1. hanneswurst Autor

      Meinen Sie die Zahnfüllung? Das ist natürlich auch ein Inhalt, aber bei vermittelten Inhalten denke ich dass klar ist, dass geistige Inhalte gemeint sind. Oder vermittelt der Zahnarzt Ihnen tatsächlich bestimmte Inhalte, die sonst kaum vermittelbar sind (Schmerz, Ehrfurcht, Erlösung)? Dies scheinen weitgehend reproduzierbare Prozesse zu sein, die dann der Definition nicht genügen (es sind keine Prozesse, die etwas vermitteln, das anders nicht oder nur schwieriger vermittelt werden könnte). Sollte es sich jedoch um eine tatsächlich einzigartige Dentistenperformance handeln, die Ihnen etwas ganz Besonderes vermittelt, dann könnte es schon Kunst sein.

      Antwort

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