Guido Westerwelle – eine späte Würdigung

Als 1998 eine rot-grüne Regierung gebildet wurde und der etwas unbedarft aber nicht gefährlich wirkende Gerhard Schröder als Vizekanzler und Außenminister Joschka Fischer in sein Kabinett berief, war für mich als damaliger Grün-Wähler die Welt ganz in Ordnung. Ein Jahr später überredete Fischer seine inzwischen von der Macht korrumpierte Partei zum ersten deutschen Kriegseinsatz seit dem zweiten Weltkrieg und ließ ohne UN-Mandat Bomben auf ganz Serbien regnen. Er sah eine NATO-Intervention im Kosovo als humanitäre Pflicht, verteidigte jedoch das Vorgehend Russlands in Tschetschenien.

Es gibt heute keinen Politiker, den ich aufgrund seiner Lebensleistung und seiner Persönlichkeit mehr verabscheue als Joschka Fischer. Er personifiziert für mich die Zäsur der politischen Aufrichtigkeit von zwei Generationen.

Als sich 2009 anbahnte, dass Guido Westerwelle in einer schwarz-gelben Koalition zum Vizekanzler und Außenminister werden könnte, wurde ich von einem mehrere Monate anhaltenden Würgreflex verfolgt. Als das Befürchtete tatsächlich eintrat, gepaart mit einer irgendwie unverständlichen Hotel-Umsatzsteuerausnahme, schwanden meine Vorbehalte gegen Westerwelle zwar nicht, aber das Würgen wich irgendwann der Normalität und stellte sich nur zwischenzeitlich wieder ein, wenn Westerwelle zum Beispiel von einem überbordenden Sozialstaat phantasierte. Anfang 2011 jedoch geschah das Ungeheuerliche: ein unter NATO-Kumpels eigentlich Kloßbrühen-klarer und praktisch risikofreier Vernichtungskrieg gegen den damals noch existierenden Staat Libyen wurde von der Bundesregierung nicht unterstützt. Ganz richtig erklärte Westerwelle, dass die Einrichtung einer sogenannten Flugverbotszone nicht anderes bedeutet, als den verkappten Freibrief für die systematische Bombardierung des gesamten Staates. Westerwelle weiß, dass er moralisch richtig entschieden hat, darf dies aus Parteiräson jetzt jedoch nicht mehr sagen – denn Altkanzler Kohl und Joschka Fischer haben sich zusammengetan, um die Zurückhaltung der deutschen Regierung in Libyen zu geißeln.

Ich möchte nicht so weit gehen zu sagen, dass ich Guido Westerwelle jetzt so verehre wie ich Joschka Fischer verachte. Aber zumindest zeigt mir diese direkte politische Parallele, dass Demokratie eben doch Glückssache ist.

Übrigens, Sarkozy: Dich kriegen sie wegen der Stuss-Kahn Sache am Arsch, Du mieser Wicht.

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4 Gedanken zu „Guido Westerwelle – eine späte Würdigung

  1. genova68

    Guter Text. Das aktuelle Westerwelle-Bashing wegen seiner Haltung zu Libyen ist scheinheilig. Das Hauptübel scheinen mir mittlerweile die sogenannten Hauptstadtjournalisten zu sein, deren Aufgabe darin besteht, jeden sinnfreien Satz eines Generalsekretärs dreimal umzudrehen und daraus andererseits Intrigen und Kampagnen zu formen.

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  2. hanneswurst Autor

    Vielen Dank, mein treuer Leser. Der Andere kommt ja nicht mehr.

    Dass die Journaille zumindest Teil des Problems ist, möchte ich unterschreiben. Wie der Kultursektor krank auch die Medienbranche ganz besonders am stumpfen Takt des Kapitalismus.

    Antwort
  3. ein Gast

    Guter Text. Für Westerwelle hatte ich nie was übrig, aber für seine Enzscheidung: Respekt.

    Aber FDP-Bashing ist sowieso angesagt zur Zeit, nicht nur wegen Lybien, dazu kommt noch das Unwort der „Insolvenz“.
    Die Presse feiert eher Joschka Fischer – Ex-Straßenkämpfer, heute angekommen nach seinem langen Lauf und als BMW-Maskottchen endlich vernünftig geworden – und sich brüstet, deutsche Beteiligung am Irak-Krieg verhindert zu haben (LOL)! Naja, ein verfassungswidriger Krieg reicht ja auch.

    Ich finde es schon ziemlich traurig, daß ein Politiker heute schon dafür gemobbt wird GEGEN einen Kriegseinsatz gestimmt zu haben.

    Tja was kann man erwarten von einer Gesellschaft, die die Befreiung der Konzentrationslager mit einem Happening feiert und ein stolzes „nie wieder“ heuchelt, aber sich sträubt Gefangene aus GTMO aufzunehmen um damit die Schließung DIESES Folterlagers zu ermöglichen.

    Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht…

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    1. hanneswurst Autor

      Vielleicht haben wir „Glück“ und es kommt auch ein Deutscher Frühling. Am Ende aber bitte Ackermann und nicht Merkel aus einem Abwasserkanal zerren, prügeln, in den Kopf schießen, auf dem Leichnam rumtrampeln und dann den Leichnam in Kreuzberg eine Woche lang zur Schau stellen.

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