Matthias Gebauer: Demagogie aus Bengasi

Spiegel-Online kämpft in Libyen nach wie vor den Kampf der Unterdrückten. Was dort veröffentlicht wird, ist zu großen Teilen primitivste Kriegspropaganda. Mit besonders polarisierenden Artikeln tut sich Matthias Gebauer hervor. Er berichtet aus Bengasi, und fast klingt es, als hätten die ostlibyschen Rebellen ihn unter Kontrolle.

Aktuelles Beispiel: Ein Bericht über den Vater von zehn Kindern. Seine Familie geriet im ostlibyschen Wohnort Adschdabia zwischen die Fronten und flüchtete nach Bengasi.

Gebauer schildert dies so:

Sie sind weggerannt aus Angst vor den blutigen Ritualen der afrikanischen Söldner, die in den Städten zwischen den Frontlinien Frauen vergewaltigt, junge Mädchen entführt und junge Männer vor den Augen ihrer Familien qualvoll getötet haben sollen.

Man kann schon dankbar sein, dass Gebauer diese Aussage in den Konjunktiv setzt, auch wenn nicht ganz klar ist, wo der Konjunktiv in diesem Satz anfängt, und wo er aufhört. Die Rebellen werden natürlich durchgängig sympathisch geschildert, „diese verwegene und doch völlig chaotische Truppe von Freizeitkriegern“. Es scheint wirklich, als hätte Gebauer die schwarz-weiße märchenhaftigkeit aus „Krieg der Sterne“ völlig verinnerlicht.

Vielleicht passt es ganz gut, dass Gebauer 2006 den Goldenen Prometheus als Online-Journalist des Jahres erhalten hat. Man sollte ihm noch die bronzene Delphi-Nadel und den Prokrustes Award überreichen.

Der im Bericht zu Wort kommende Familienvater selber ist übrigens weniger unkritisch, sagt er doch im Interview „Ich glaube niemandem mehr in diesem Konflikt“ und formuliert als Schlusswort „Lewwer duad üs Slaaw!“ auf libysch – in einer Manier, die an die Familie Gaddafi erinnert:

Selbst wenn meine ganze Familie stirbt, muss der Kampf weitergehen […] Das bin ich meinen Kindern schuldig, sie sollen in Freiheit aufwachsen.

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5 Gedanken zu „Matthias Gebauer: Demagogie aus Bengasi

  1. genova68

    Ich finde, du beziehst hier so ein pseudokritische Stellung, die dich dann als kritsch und originell auszeichnen soll. Die Berichterstattung zu Gadafis Gegner ist vielleicht einseitig, keine Ahnung, aber es geht erstmal darum, Gadafi wegzukriegen. Was danach kommt, wird man sehen. Hätte man Hitler auch nur bekämpfen dürfen mit dem GG unterm Arm?

    Kritik wäre doch eher anzusetzen an den Zielen des Westens, die man kaum kennt. Aber überhaupt brauchte man dann eine völlig andere Berichterstattung über Außenpolitik. Die meisten Medien machen den Diplomatiequatsch mit und faseln, ähnlich wie die Politiker, über Menschenrechte und Frieden blabla. Die eigentlichen Hintergründe werden nicht genannt. Informativ dazu ist http://www.german-foreign-policy.com/de/news/, irgendwelche anonymen Linksradikalen, die völlig anders an außenpolitische Fragen rangehen, als wir das gewohnt sind.

    Mein Problem dabei ist allerdings auch, dass mit Krieg generell nicht interessiert. Ich rezipiere dazu nichts.

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    1. hanneswurst Autor

      Das ist doch in Wirklichkeit wieder dieser verrückte Redford? Wer sonst würde mal eben einen Hitler / Gaddafi Vergleich anstellen, da dreht sich ja sogar Sarkozy der Magen um. Obwohl – wer weiß. Es geht Ihrer Meinung nach also darum „Gaddafi wegzukriegen“. Wenn im nächsten Schritt so eine Talibangarde in Libyen an die Macht kommt, Burkas über die Frauen stülpt und erst einmal 100.000 Libyer erschießen lässt, dann wäre die Aktion also immer noch ein Erfolg – denn wenigstens ist Gaddafi erst mal weg? Ich behaupte nicht, dass die Opposition in Libyen irgendetwas Böses im Schilde führt, aber Tatsache ist wohl, dass keiner so richtig weiß, was nach Gaddafi kommt. Natürlich wünsche ich den Libyern auch Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit, aber nicht um jeden Preis. Und eine „Revolution“ die durch Luftangriffe von Öl-Lobbyisten und französischen Wahlkampfmanagern entschieden wird ist keine Revolution. Um auf Ihrem niedrigen Niveau der Nazi-Vergleiche zu bleiben hätte in Deutschland 1945 ja dann auch einer Revolution stattgefunden. Würden die libyschen Rebellen jetzt darum bitten, dann glaube ich dennoch kaum, dass die Kriegsmaschine angehalten würde.

      An der Elfenbeinküste marschiert Sarkozy ja auch schon wieder auf. Dort ist noch klarer, dass das beste Ergebnis ein Tausch von Pest gegen Cholera sein wird. Es scheint einfach, als wäre ein gewisses Kolonialgehabe wieder en vogue. Als hätten 60 Jahre „Entwicklungshilfe“ den armen Kontinent nicht zur Genüge zermürbt.

      Das ganze Thema scheint aber in Deutschland nicht so recht zu zünden. Die meisten Menschen, mit denen ich mich dazu austausche, stehen dem Konflikt in Libyen ambivalent aber prinzipiell pro Freiheit und contra Diktatur gegenüber. Viele verfolgen gar nicht, was da passiert. Die Medien geben ein vereinfachtes Meinungsbild vor. Einige sehen die Chance, dass sich der ganze islamische Raum unseren Lebensgewohnheiten anpasst. Tatsächlich besteht eher die Chance, dass diese Länder bald Afghanistan ähneln. Sie sind dann schlecht organisiert, wirtschaftlich und ordnungspolitisch anhängig, aber wenigstens keine Gefahr mehr für den Westen und das Öl wird man ihnen schon irgendwie absaugen. Das sind die nächsten Opfer des Kapitalismus und der Neoliberalität, aber das ist Ihnen wohl ganz Recht, Herr Redford.

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  2. genova68

    Wenn, wenn, wenn… Gadafi ist jetzt ein Arschloch, alles andere ist Spekulation. Was bringt dich eigentlich dazu, so sehr auf genau die Karte zu setzen, die Gadafi höchstwahrscheinlich im Sattel halten wird, inklusive der Folgen für die ihm resistent eingestellten Menschen?

    Der Westen hat die Möglichkeit, zivilgesellschaftliches Engagement zu unterstützen und sollte das auch tun. Da reichte es doch schon, bestimmten Organisationen ein paar neue Computer zu schenken etc., Frauenrechtlerinnen Publikationsangebote zu machen usw. Zivilgesellschaftlich eben. Ob der Einsatz in Libyen ok ist oder nicht, was weiß ich. Dieses kindische Dagegensein, ohne einen Blick auf die garantierten Folgen dessen zu werfen, ist doch daneben. Das ist so eine extrempazifistische Haltung, die ich höchstens dem zubillige, der mir mit Gandhi oder sonstwem, das plausibel machen kann.

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    1. hanneswurst Autor

      Mir geht es hier ausschließlich um die Bombardierung. Jedem Land steht es frei, auf allen diplomatischen Wegen seine eigenen Standards zu fördern.

      Es geht mir auch nicht um den Gaddafi-Clan. Ich selber möchte nicht in einem Land wohnen, das von einem Familienclan beherrscht wird. Ich würde mir jedoch auch in dieser Situation nicht wünschen, dass mich eine ausländische Koalition von diesem Despoten befreit nur um in nächstem Schritt bestimmte Ansprüche zu stellen und den Despoten durch Wirtschaftsunternehmen und vielleicht durch eine Besatzungsmacht zu ersetzten.

      Antwort
  3. genova68

    „Ich würde mir jedoch auch in dieser Situation nicht wünschen, dass mich eine ausländische Koalition von diesem Despoten befreit nur um in nächstem Schritt bestimmte Ansprüche zu stellen und den Despoten durch Wirtschaftsunternehmen und vielleicht durch eine Besatzungsmacht zu ersetzten.“

    Erstmal weißt du nicht, was du dir in dieser Situation wünschen würdest, weil du nicht in dieser Situation bist. Zweitens stimme ich dir zu, was die realen Absichten des Westens angeht. Die Frage ist aber dennoch, ob man Gadafi sehenden Auges die Rebellen abschlachten lässt oder nicht. Völkerbund bzw. UNO halte ich nicht für sinnlose Erfindungen, es ist halt schwierig.

    Ich kann in diesen Fällen auch mit der Linkspartei wenig anfangen, weil die sich schnell auf so einen radikalpazifistischen Kurs begeben, der für mich viele Fragen offen lässt. Beispiel Jugoslawienkrieg. Was hätte man denn machen sollen? Aber, wie gesagt, ich habe eigentlich von diesem Kriegskrempel keine Ahnung. Es wird herumgeschossen, das ist mir zuwider.

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