An was ich glaube

Bevor hier demnächst die Frage nach dem sINN des Universums weiter verhackstückelt wird, möchte ich mich mit einigen persönlichen Worten an die Bloggemeinde richten. Ohne Anspruch auf höhere Erkenntnis und prinzipiell auch ohne besondere Notwendigkeit gebe ich einen kurzen Abriss meiner bisherigen persönlichen Glaubensgeschichte zum Besten.

Im Alter von ungefähr 10 Jahren, während eines unsäglich langweiligen Schulgottesdienstes, fragte mich ein Mitschüler, ob ich eigentlich an Gott glaube. Einer kurzen Suche nach der lässigsten Antwort folgend und ohne tatsächlich eine Meinung dazu zu haben, verneinte ich die Frage. „Ich auch nicht nicht.“ sagte mein Mitschüler, der sich offensichtlich schon etwas intensiver mit der Materie befasst hatte. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei dem ganzen Scheiss in der Welt einen Gott gibt.“ Unschwer wird der Leser darin das Theodizee-Problem erkennen, also die Frage, wie es einen guten und allmächtigen Gott geben kann, wenn dieser all das Unheil zulässt, dass seinen Kreaturen widerfährt.

Jedenfalls hat mich dieses Argument sofort überzeugt, für die nächsten 10 Jahre war das Kapitel „Gott“ für mich geschlossen, was soweit ging, dass ich mich weigerte, am weihnachtlichen Gottesdienst teilzunehmen, der von der ganzen Familie besucht wurde, die übrigens mit äußerster Gelassenheit auf individuelle Einstellungen zum Glauben reagiert.

Im Alter von ungefähr 20 Jahren (hach, es war eine so schöne Zeit) änderte sich etwas. Beim Beklettern eines großen Felsbrockens auf Rhodos durchfuhr mich plötzlich die Lösung des Theodizee-Problems. Jeder Aspekt hat mindestens zwei gegensätzliche Seiten, und so musste es wohl auch einen Gegenpol zu einem guten Gott geben – den Teufel. Ganz klar, Schuld am Übel dieser Welt hat der Beelzebub. Heute finde ich es erstaunlich, wie lange dieser naive Gedanke mir geholfen hat, das Theodizee-Problem zu überwinden, ich konnte wieder Kirchen besichtigen, auch den einen oder anderen Gottesdienst besuchen, ohne das Gefühl zu haben, verschaukelt zu werden. An Kommunion und Beichte nehme ich jedoch auch heute (noch?) nicht teil, auch die Firmung habe ich nicht nachgeholt.

Es gab damals ja immerhin noch kein Internet, ich konnte also auf „gute-frage.de“ nicht alles über Gott erfahren. In der Frühzeit von Compuserve jedoch machte ich einen amerikanischen Prediger ausfindig, den ich („Sie haben Post“) wiederum mit dem Theodizee-Problem nervte, um meine Geschichten vom Teufel zu überprüfen. Behutsam machte mir dieser Mann klar, dass der gefallenen Engel ein eher unbedeutender Nebendarsteller und Gottes Allmacht keineswegs durch ihn gefährdet sei. Dass es so Vieles gäbe, das der Mensch als „böse“ identifiziert, sei vielmehr dadurch verursacht, dass Gott den Menschen mit einem freien Willen beschenkt habe.

Ich finde es überhaupt nicht so leicht zu begreifen, was ein freier Wille mit Ausschwitz zu tun hat. Ein Gott, der nur ein Quäntchen gnädig ist, kann unmöglich einen Völkermord zulassen oder tagtäglich Kinder verhungern lassen. Diese Tragödien könnte man immerhin noch mit dem Handeln des Menschen erklären, aber was ist mit Naturkatastrophen, die ohne Verantwortung des Menschen unglaubliches Leid hervorrufen?

Es ist eine persönliche Herausforderung, Antworten auf diese Fragen zu finden. Die Welt könnte die „Beste aller möglichen Welten“ (Leibniz) sein. Gott könnte gestorben sein (vgl. Nietzsche) oder sich um den Menschen nicht (mehr) scheren. Ich möchte den Leser auch nicht mit meinen Überlegungen zum teleologischen oder kosmologischen Gottesbeweis langweilen. Und Jesus? Jesus is alright with me. Das Neue Testament ist für mich ein schönes Stück Soziallehre.

Einen weiteren Gottesbeweis, nämlich den ontologischen, habe ich sehr früh verworfen und dann für mich wiederentdeckt. Vereinfacht gesagt enthält der ontologische Gottesbeweis die Aussage, dass keine Vorstellung von Gott existieren könnte, wenn Gott nicht existieren würde. Auf logischer Ebene hat spätestens Kant nachgewiesen, dass der ontologische Gottesbeweis höchstens eine Tautologie ist.

Für mich persönlich jedoch ist der ontologische Aspekt der, dass Gott in den Gedanken der Gläubigen tatsächlich existiert. Besuche ich einen Gottesdienst (was ich persönlich leider sehr selten tue) und begebe mich zu den meist wenigen und oft älteren Anwesenden, stehe, knie, bete und singe mit ihnen, dann ist dies eine Chance Abstand von mir selbst zu nehmen und ein starkes Gemeinschaftsgefühl zu empfinden. Dieses Gefühl, das Teil jeden Gebetes ist, ist für mich das zentrale Element der Gläubigkeit. Ich glaube, vor allem, dass ich niemals allein bin.

Selbstverständlich könnte ich diesen Glauben, der ja in erster Linie aus der Summe aller Bewusstseinsinhalte besteht, auch isolieren und der katholischen Kirche mit ihren offensichtlichen Fehlern die kalte Schulter zeigen. Mein Glaube ist vielleicht auch eher in der Memetik oder der Abkehr von der personalen Identität (sehr schön beschrieben in Kapitel 3 in Derek Parfits „Reasons and Persons“) fundiert. Ich fühle mich jedoch trotz dieser Widersprüche der christlichen Glaubensgemeinschaft verbunden, das hat auch etwas mit Heimat zu tun.

Da ich mir all dies von der Seele geschrieben habe kann ich demnächst endlich wieder der Aporetik freien Lauf lassen, es geht dann wahrscheinlich weiter mit der Bedeutung von „Unbekanntheit“ in „Mögliche Ursachen der Unbekanntheit des sINNs“. Wer bis hierhin gelesen hat und mit hochgezogenen Augenbrauen vor dem Bildschirm sitzt, dem sei aber doch wenigstens noch etwas zum „Sinn des Lebens“ mitgegeben:

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5 Gedanken zu „An was ich glaube

    1. hanneswurst Autor

      Gerne stehe ich für Fragen zur Verfügung. In jedem Fall ist das „Tal der Schmetterlinge“ einen Ausflug wert. Was mich an die Kulturgeschichte der adoleszenten Zoophilie in der Pfalz erinnert, zu der ich noch die eine oder andere Frage hätte.

      Antwort
  1. genova68

    Die adoleszente Zoophilie ist natürlich ein breit diskutiertes Phänomen, allerdings weniger in der Pfalz, sondern mehr im Rheinland. Jüngstes Beispiel ist die Hundeentführung durch den arbeitslosen Düsseldorfer:

    http://www.rp-online.de/duesseldorf/duesseldorf-stadt/nachrichten/Hund-entfuehrt-300-Euro-Geldstrafe_aid_837111.html

    Naiv wäre, hier lediglich die Lösegeldforderung in Höhe von zehn Euro zu betrachten. Wahrscheinlich ist, dass die zehn Euro nur zur Ablenkung dienten, um von der stattgefundenen Tierschändung abzulenken.

    Das arme Tier.

    mfg
    grizmek

    Antwort
    1. hanneswurst Autor

      Touché. Dennoch glaube ich empirisch beweisen zu können, dass die Zoophilie ein klassisch pfälzisches Phänomen ist.

      Google Treffer „zoophilie speyer“: 5.120
      http://www.google.de/search?q=zoophilie+speyer
      Einwohner Speyer: ca. 50.000
      => ZP-Index: 102,4

      Google Treffer „zoophilie düsseldorf“: 2.600
      http://www.google.de/search?q=zoophilie+düsseldorf
      Einwohner Düsseldorf: ca. 580.000
      => ZP-Index: 4,48

      Daraus schließe ich, dass Zoophilie in der Pfalz ca. 23 mal häufiger als im Rheinland vorkommt. Statistisch gesehen hatte jeder 10. Pfälzer unter 18 Jahren schon Sexualkontakte mit mindestens einem Insekt (http://www.google.de/search?q=zoophilie+speyer+insekten).

      Ich verwende die gleichen, statistisch einwandfreien Untersuchungsmethoden wie jedes renommierte Wahlforschungsinstitut.

      Ein unheiliges Thema, aber ich sage immer: lieber zoophil als zoophob.

      Antwort
  2. genova68

    Die google-Ergebnisse sprechen für sich, was soll ich da sagen? Vielleicht folgendes: Aufgrund des subtropischen Klimas in der Pfalz gibt es dort rund 23 mal mehr Insekten als in Düsseldorf. Und da die Pfälzer wegen der Hitze oft nackt umherlaufen, lässt es sich kaum vermeiden, dass sich Insekten auch auf den Pimpeln niederlassen. Inwieweit man hier schon von bewusster Zoophilie sprechen kann, möchte ich offenlassen.

    Die Statistik halte ich übrigens für untertrieben. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen würde ich eher sagen, dass jeder Pfälzer rund zehn Sexualkontakte mit einem Insekt pro Jahr hat – über und unter 18.

    Ich bitte deshalb darum, die Themen Zoophilie und adoleszente Zoophilie mit dem gebührenden Respekt zu behandeln.

    Antwort

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