Der Sinn des Universums (1)

Die Erforschung der Sinnhaftigkeit aller Dinge ist die wichtigste Triebfeder philosophischer Neugier. Da die Ergebnisse jedoch allesamt spartanisch ausfallen, wird hier der Frage nach dem Sinn des Universums mit frohem Mut und ohne Rücksicht auf Verluste zuleibe gerückt.  Begeben Sie sich mit dem hANNES wURST Blog auf einen aporetischen Ausflug mit unbekanntem Ziel.

In diesem ersten Teil wird geklärt, was „Sinn“ überhaupt ist. Nicht gemeint sind die menschlichen Sinne („Geruchsinn“ etc.) und auch nicht der Uhrzeigersinn, sondern der Sinn eines Vorgangs oder eines Zustands. Die Nominalisten unter Ihnen brauchen nicht weiterzulesen, da der „Sinn“ demgemäß eine abstrakte Entität ist.

Ein paar Anwendungsfälle zeigen die schwierige genaue Verortung der Bedeutung von „Sinn“:

  1. „Der Sinn des Berges ist, mein Herz zu erfreuen.“ Dies ist eine problematische Aussage, da der Berg wahrscheinlich schon längst existierte, bevor die Existenz des Herzens des Sprechers absehbar war. Dennoch: theologisch (und teleologisch) macht die Aussage Sinn, da die Schöpfung unter anderem auch den Sinn hat, das Herz des Sprechers zu erfreuen. Daran wird deutlich: der Sinn des Zustands kommt und geht hier mit der Intention des Erzeugers des Zustands. Wenn der Sprecher den Sinn des Berges einfach zu seiner Privatsache erklärt, dann erscheint das wenig plausibel. Der Sprecher schafft sich dann diesen Sinn, er kann also sagen „ich nutze den Berg in dem Sinnne…“ aber er kann nicht sagen „der Berg hat den Sinn…“.
  2. „Der Sinn des Handkäs ist, mir wohl zu munden.“ Weniger problematisch. Jedenfalls dann, wenn der Handkäs vor allem für den Verzehr des Sprechers gedacht war. Hat der Sprecher den Handkäs geklaut, dann scheint die Aussage nicht plausibel – eher hat der Sprecher den Handkäs seines Sinnes entstellt oder ihn zumindest gebeugt. Hier zeigt sich, wie nah Sinn und Semantik verwoben sind. Die Handlung der Handkäsherstellung gleicht einem kommunikativen Akt. Ebenso könnte ein Lob hergestellt werden und nur für einen bestimmten Empfänger gemeint sein. Deswegen scheint es unnötig, Sinn und semantischen Sinn voneinander abzugrenzen.
  3. „Der Sinn der Leber ist der Abbau von Blutalkohol.“ Problematisch. Erstens: die Leber wurde von „der Natur“, „der Evolution“ oder „von Gott“ hergestellt. Die Evolution (das gilt auch für alle anderen natürlichen Vorgänge) scheint sinnvoll, die trainierte Leber als überlebenswichtiges Organ erst recht. Aber: wer nicht gerade Kreationist ist, der geht wahrscheinlich davon aus, dass die Leber aufgrund einer natürlichen Notwendigkeit  so ist wie sie ist. Hier wird also der Leber ähnlich wie dem Berg in Beispiel 1 ein Sinn verliehen. Hier zeigt sich ein grundsätzliches Problem der Sinnfindung. Nach dieser Logik hat der Berg für den Atheisten keinen Sinn. Das wird der Atheist bestreiten, denn er ist ja nicht zwangsläufig ein Nihilist. Das nächste Beispiel hilft weiter.
  4. „Der Sinn des Wegweisers ist es, den Weg nach Rom zu weisen.“ Dazu stelle der Leser sich bitte einen spitzen Stein vor, der tatsächlich Richtung Rom zeigt. Zufällig, denn tatsächlich handelt es sich um einen natürlich so entstandenen Stein. Außerdem wurde mit zittriger Schrift „Roma“ in den Stein eingraviert. Auch rein zufällig von Wind und Regen aufgrund seltsamer Steinbeschaffenheit und seltener Witterung. Froh folgt der Wanderer, ein Atheist, dem sinnvollen Wegweiser. Ein anderer holt ihn ein und sagt: „Dieser Stein hat überhaupt keinen Sinn!“ Der Erste: “Zeigt er denn den Weg nach Rom?“ Der Andere: „Ja, aber nur rein zufällig.“ „Also hat er durchaus Sinn!“ „Wie sollte er, der Regen hat ihn geschliffen.“ „Spätesten jetzt hat er Sinn, denn ich lasse ihn so wie er ist.“

Vielleicht kann man den Konflikt der Wanderer so lösen: der erste Wanderer, hier der Atheist, definiert Sinn so: „Sinnvoll ist das, worin ich Sinn sehe.“ Der Zweite, vielleicht ein Theologe, ein Metaphysiker oder ein Aporetiker: „Sinn ist die Intention einer Handlung oder das intendierte Produkt einer Handlung.“

Diese Perspektive des Aporetikers ist die Perspektive, die im Folgenden bei der Suche nach dem Sinn des Universums eingenommen wird. Es wird also nach dem Sinn in Form eines Kommunikationsakts geforscht, systemtheoretisch nach einem Sinn der außerhalb der menschlichen Gedankensphäre verankert ist.

Das zweite Sujet, das Universum, ist einfacher definiert: die Summe alles Existierenden. Also auch jenseits des transzendentalen Horizonts Existierende. Es gibt demnach nur genau ein Universum. Quantenmechanische „Many-Worlds“ Interpretationen lassen wir außen vor, denn sie tun bei näherer Betrachtung nichts zur Sache.

Wie der Leser sich schon denken kann, geht es im Folgenden vor allem darum, ob das Universum ein Berg oder ein Handkäs ist. Dazu wird in der nächsten Folge ermittelt, warum der Sinn des Universums (zumindest dem Schreiber) eigentlich unbekannt ist.

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4 Gedanken zu „Der Sinn des Universums (1)

    1. hanneswurst Autor

      Vielen Dank für Ihr Interesse. Statt eines zweiten Lesedurchgangs empfehle ich Ihnen die Lektüre der weiteren hier erschienenen und noch erscheinenden Artikel, da das Thema auf einer Spirale aus dem Friedhofsorbit bis in den Eintritt in die Erdathmosphäre getrieben wird.

      Antwort
  1. hanneswurst Autor

    @hannes: Sehr richtig. Für den philosophisch weniger gebildeten Leser darf ich Ihre Aussagen einmal verdeutlichen. „Wahrheit“ ist ein rein idealistischer Begriff, ein bloße Vorstellung von einem System, das selbst in einer realen Welt, sofern eine solche existieren würde, nicht existieren kann. Sie existiert nur in der Vorstellung. Eine der grundlegendsten angenommenen Wahrheiten ist die Vorstellung von der Existenz eines „freien Willens“, dessen Existenz in der Realität sogar noch viel abwegiger ist.

    Der fundamentalontologische Halbsatz „Und außerdem sowieso“ verleiht Ihrem Aphorismus eine besondere Würze. Guten Abend.

    Antwort

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