Mössel und das Berliner Stadtschloss

Der Diskussion über den Hildesheimer Marktplatz möchte ich mit Verspätung zwei längere Zitate aus Ernst Penzoldts „Powenzbande“ (erschienen 1930) hinzufügen. Es geht um den Baurat Knipfel, der den Bauantrag des Baltus Powenz ablehnt:

„Dieses Knipfels Bauten gaben dem neuen Stadtteil das Gepräge, und sein Urteil galt alles in künstlerischen Fragen Mössels. Das Charakteristische seiner Bauweise war, daß er ihr längst bewährte Pläne vergangener Zeiten zugrunde legte. So konnte sich Mössel rühmen, manches weltbekannte Bauwerk in vorzüglicher Nachahmung sein eigen zu nennen. Der Schlacht- und Viehhof war in edler Renaissance, die Irrenanstalt in heiterem Barock, das neue Krematorium byzantinisch gebaut. Dabei hatten diese Gebäude ihren berühmten Mustern gegenüber den großen Vorzug, daß sie alle nagelneu waren. Wenn es ein Vorzug war. Denn was Knipfel betraf, so sah er die Dinge ganz anders an. Ein neues Haus im gotischen Stil etwas, das war erfahrungsgemäß häßlich, ein altes bemoostes aber romantisch schön. Darum ist es seinem Weitblick zu danken, daß er die neuen Baulichkeiten gleich von vornherein mit einer Art künstlichen Schimmels, das heißt sozusagen schon alt errichtete, und das gefiel allen wohl. Seiner Anregung verdankte Mössel auch das Marmordenkmal der unglücklichen Königin Luise (von Bernauer), obgleich diese edle Frau, wie Herr Valentin Knust in seiner kurzgefassten Geschichte der Stadt einwandfrei nachgewiesen, niemals in Mössel gewesen war. Bedauerlicherweise musste das Monument, das der Baedeker erwähnt, von Oktober bis April durch eine schlichte Holzverschalung geschützt werden, damit es nicht unter der Witterung leide.  Auch das neue Rathaus zu Mössel (nach Plänen Knipfels 1899 bis 1901 in spätgotischem Stil erbaut), mit prächtiger Fassade, hatte einen Nachteil. Es mußte in etwa der Hälfte der Zimmer sommers wie winters künstliches Licht gebrannt werden, da die Fenster aus stilistischen Gründen etwas zu klein gehalten waren. Nun war es im Inneren sehr ungemütlich und düster. Dazu kam, daß die verschlungene Schrift auf den reichgeschnitzten Türschildern der einzelnen Amtsräume, zum Beispiel des Standesamtes, für den Laien gänzlich unleserlich waren.“

[…]

„Powenz‘ zukünftiges Haus war allerdings mit äußerster Nüchternheit und Sparsamkeit entworfen. Es war gänzlich schmucklos, weil Schmuck verteuerte, ohne zu verschönern. Es glich wirklich einer Schachtel oder einem Würfel, wären nicht Fenster und Türen daran angemerkt gewesen. Als Grundmaß waren natürlich die Proportionen eines Ziegelsteines verwendet. Mit seinen großen Atelierfenstern hatte das Haus im Plane etwas Fabrikartiges, und Powenz gab offen zu, Leben sei an sich schon Arbeit genug, und seine Familie sei also nichts anderes als eine Firma zu Herstellung einer allerdings besonders kostbaren Ware, nämlich lebendiger Menschen.“

Das Bauhaus bestand schon eine Dekade, als dieser Text erschien, und Sullivan hatte 35 Jahr früher sein berühmtes Diktum „form follows function“ erlassen. Wenn die Funktion der Rekonstruktionsarchitektur ist, Sehnsüchte nach vergangenen, oft nicht miterlebten, vielleicht so gar nicht dagewesenen Zeiten zu bedienen, dann ist sie Sullivans Gesetz treu geblieben. Allerdings sagt dies einiges über die Gesellschaft aus, die eine solche Architektur wünscht. „As you are, so are your buildings.“ stellt Sullivan 1924 fest. Vielleicht ist es wirklich so, dass viele Menschen selber so sind wie die rekonstruierten Gebäude von Hildesheim, Dresden und bald auch Berlin. Dem Schein zuliebe werden Authentizität und Praktikabilität geopfert. Es muss eine Mittelklassenlimousine sein, auch wenn ein Kleinwagen besser gepasst hätte und die Raten eigentlich zu hoch sind. Es ist folgerichtig, dass eine solche Gesellschaft sich auch mit Fassaden aus der Kaiserzeit umgeben möchte.

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6 Gedanken zu „Mössel und das Berliner Stadtschloss

  1. genova68

    Penzoldt? Nie gehört. Jedenfalls zeigt er zweifach das Problem auf: Einerseits das reaktionäre Moment derer, die hinter das Bauhaus zurückwollen, andererseits das reaktionäre Moment der Bauhäusler, die ihre Familie als eine Firma zur Herstellung von Waren betrachten. Folgt das eine aus dem anderen? Muss man nachsichtig sein mit Schlossbefürwortern, weil die doch nur der Warenförmigkeit ihres Lebens entfliehen wollen?

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    1. hanneswurst Autor

      Wenn die Wiederbelebung einer untergegangenen und mit der Jetztzeit nicht korrespondierenden Idee die einzige Möglichkeit ist, die einem in den Sinn kommt, um ein wenig Größe, Schönheit und Ausschweifung zu demonstrieren, dann hat die Stadtschlossrekonstruktion wohl tatsächlich einen Sinn. Was soll da außer naivem Staunen und schnellem Vergessen produziert werden.

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  2. genova68

    Die Frage ist doch, warum einem bei völlig berechtigter Lust nach Größe, Schönheit und Ausschweifung nur ein Objekt in den Sinn kommt, das für ein Gesellschaftssystem steht, in dem 99 Prozent der Bevölkerung sich weder Größe, Schönheit noch Ausschweifung leisten konnten.

    Wo ist die Volkskultur, auf die man hier zurückgreifen könnte? Mir fällt jetzt spontan die katholische Kirche ein. Traurig.

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    1. hanneswurst Autor

      Ohne die Irrungen und Wirrungen des Christentums zu bestreiten und auch angesichts der Tatsache, dass unter dem Vorwand christlichen Handelns unmoralische Handlungen bis hin zum Völkermord ausgeübt wurden, sehe ich doch einen Unterschied zwischen den Sakralbauten und den Palästen, da jene allen Bürgern oder zumindest allen Gläubigen offen stehen, während diese auch durch Zutrittsbeschränkungen menschliche Heterogenität demonstrieren. Die in den Kirchen wiederum oft demonstrierte Heterogenität (Logen etc.) zähle ich zu den Irrungen und Wirrungen, denn das gleich sein und Gleichen ist der eigentliche Sinn des Kirchengebäudes. Da eine der Funktionen der katholischen Kirche die kritische Prüfung jeder Modernisierung ist, bin ich außerdem damit einverstanden, dass sich auch ihre Bauten nur langsam wandeln.

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  3. genova68

    Stimmt alles, ich wollte nur sagen, dass es in Deutschland keine Volkskultur mehr gibt, auf die man zurückgreifen kann und das Volk deshalb an dem Schloss so aufgegeilt ist. Herrschaftskultur ist offenbar immer noch besser als gar keine.

    Die katholische Kirche bietet sich noch am ehesten als Präsentant volksnaher, althergebrachter Kultur an, wie ich mich beim weihnachtlichen Kirchenbesuch wieder festellen konnte. Aber das ist ja auch nicht der Knaller.

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  4. Vacki Nüller

    Absolut Super Comment, dies wollte ich selbst schon Mal schreiben, wusste nur nicht wie man dies zu Papier bringen kann 🙂 !

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