Der Sohn wird beerdigt, die Mutter spielt Computer

Die Überschrift stammt aus einer Reportage von Katrin Hummel zum Thema Computerspielsucht am Beispiel des Online-Rollenspiels „World of Warcraft“. Der Artikel ist in der F.A.Z. vom 3.11.09 auf Seite 4 unter der nicht weniger reißerischen Überschrift „Wenn das echte Leben aufs Spiel gesetzt wird“ im Politik Resort abgedruckt oder online hier abrufbar. Frau Hummel unterstreicht die besondere Gefährlichkeit des Spiels mit folgendem Zitat, das sie einem „Hilfeforum“ entnommen hat:

„Bei uns fing mein Bruder (45) mit dem Spiel ,World of Warcraft‘ an, aber in Maßen. Meine Mutter war davon begeistert. Also dachten wir uns, dass es vielleicht nicht schlecht wäre, ihr das Spiel zu erklären, damit sie selbst spielen kann. Sie hat sich im Internet als eine 35-jährige heiße Braut ausgegeben, und da sie sich so verjüngt hat, existieren wir als Kinder natürlich nicht. Der Hammer war aber der 12. April dieses Jahres. Mein Bruder ist an diesem Tag gestorben, Sekundenherztod. Meine Mutter hat den anderen durchgeknallten Fuzzies aus dem Spiel gesagt, dass ihr Cousin gestorben sei. Sie ist nicht mit zur Beerdigung gegangen, angeblich könne sie das nicht. Als wir danach zu ihr gegangen sind, in der Hoffnung, einen Kaffee zu bekommen, war der PC-Bildschirm noch warm, sie hatte in der Zeit gespielt!“

Dies hat mich an zwei Dinge erinnert. Erstens an eine der ersten Call-In Shows a la „Domian“, bei der ein aufgeweckt klingender Jugendlicher der Moderatorin seine ellenlange Leidensgeschichte erzählte, wie er von Heim zu Heim geschickt wurde und immer ganz schlimme Dinge erlebt habe. Nach ungefähr dem fünften Heim erzählte er von einer Frau, die ihm quasi das Leben gerettet habe und seit dem wäre alles wieder gut. Die Moderatorin machte inzwischen einen skeptischen Eindruck und sagte wenn die Frau ihm so toll geholfen habe, dann wäre es doch nur fair wenn er ihren Namen nennen würde. Nach einer nur geringfügig zu langen Pause kam die Antwort: „Das war die Frau Tausendfreund.“

Keine Ahnung, ob das außer mir noch irgendwer lustig findet, für mich war es ein erhellend aporetischer Moment: war irgendetwas davon echt? War der Anruf nur ein Hoax? Ist der Anruf gestellt und von der Sendung geplant? Und: ist das überhaupt von Bedeutung? Gibt es hier eine „Wahrheit“, die erfahrbar sein sollte?

Zweitens erinnert mich das Zitat der F.A.Z. Redakteurin an The Wire, Staffel 5 (die meiner Meinung nach weltbeste Kriminalserie). Es geht unter anderem um einen Redakteur auf dem Weg zum Pulitzer Prize. Er schafft dies durch die Fabrikation von Nachrichten. Der Verlag, geschwächt durch die aktuelle Medienkrise darauf angewiesen jeden Scoop zu nutzen, lässt ihn gewähren, obwohl das Copy-Desk schon herausgefunden hat, dass die Quellen des Redakteurs gefälscht sind. Da die Stadtverwaltung und der Polizeiapparat ebenfalls ein Interesse an diesem Simulakrum haben, erfährt die Öffentlichkeit nicht, dass die von der Polizei erfundene und von dem Redakteur weitergesponnene Geschichte über Morde an Obdachlosen komplett fabriziert ist.

Auch hier hat die Wahrheit keine Bedeutung mehr.  Diesmal nicht, weil es in der Sache gleichgültig ist, sondern weil niemand der die Wahrheit kennt Interessen an der Preisgabe der Wahrheit hat.

Das ist insgesamt keine Neuigkeit. Jean Baudrillard hat in der 90ern festgestellt, dass der Golf-Krieg nicht stattgefunden hat. Paul Watzlawick hat darauf aufmerksam gemacht, dass Realität konstruiert wird, und nicht einfach „ist“. Und Schopenhauer, als Vorbereiter der Postmoderne, beginnt sein Monumentalwerk mit dem bekannten Satz: „Die Welt ist meine Vorstellung.“ Angewandt auf virtuelle Welten könnte mit Recht auch gesagt werden: „die Welt ist mein Rollenspiel“.

Was den Baltimore Sun F.A.Z. Bericht so interessant macht ist die Vermischung von Realitätsebenen. Frau Hummel hängt den Artikel an einer jungen spielsüchtigen Frau auf, mit der sie wahrscheinlich auch gesprochen hat. Das groteske Zitat von der siebzigjährigen Rabenmutter hat sie – ich kann dies nur vermuten – einfach so im virtuellen Raum aufgeschnappt. So mischt sie fröhlich den einigermaßen realistischen Suchtbericht mit einem durchgeknallten Hoax das Heroin im Vergleich zu einem Rollenspiel wie ein Schnupftabäckchen erscheinen lässt.

Die Chance, über die sozialen Bedingungen der Rollenspielsucht zu berichten, nutzt Frau Hummel nur sehr oberflächlich. Die Sucht schreibt Sie dem alten Dopamin-Ausschuss Schmarrn zu, mit dem uns Wissenschaftler auch schon die Workaholics und die Sportfanatiker erklärt haben. Ungefähr so: „Der Mensch möchte sich wohlfühlen. Wir sehen im Kernspin dass Aktivität XY Wohlfühl Z auslöst. Deswegen macht Aktivität XY süchtig.“ Interessanter wäre, warum sich Menschen in der virtuellen Welt tatsächlich wohler fühlen. Hummel schreibt dazu:

„World of Warcraft“ entfaltet nach Ansicht von Fachleuten von allen Online-Rollenspielen das größte Suchtpotential. Weil Blizzard dem Spiel in regelmäßigen Abständen neue Spielebenen hinzufügt und in diesem Augenblick fast alles, was die bereits geschaffenen Charaktere sich bis zu diesem Zeitpunkt erarbeitet haben, wertlos wird, können auch Neueinsteiger schnell auf der obersten Ebene mitspielen.

Besonders suchtgefährdet sind Menschen, die im wirklichen Leben wenig Erfolg haben.

Dass das Rollenspiel eben genau das bietet, was die Gesellschaft nicht mehr hergeben will aber hergeben sollte, dass Blizzard mit diesem Spielsystem eine Art von Steuer etabliert hat, sieht sie nicht. Aber sie meint, dass in Asien und den USA „zehntausende Menschen“ davon leben, professionell das Spiel zu Spielen um die erlangten Güter dann weiter zu verkaufen (das hat sie auch aufgeschnappt). Auf den Gedanken, dass es auch für Westeuropäer lukrativ sein könnte, eine virtuelle Existenz aufzubauen, kommt sie nicht. Warum nicht als Redakteur bei einer Gilde im Rollenspiel anheuern?

Es ist, als hätte die DDR die Internet-Blüte noch erlebt. Auf „westsucht.dd“* würde ein junger Mann berichten, dass seine 70jährige Mutter zu viel Westfernsehen gesehen habe, jetzt ihre eigenen Kinder nicht mehr erkennt und den ganzen Tag nach Ferrero Küsschen schreit. Und Frau Katrin Hummel schreibt für die Freiheit: das Dopamin ist schuld.

* „die Top-Level-Domain .dd wurde in der Nachwendezeit durch .de der Bundesrepublik Deutschland ersetzt“ (Wikipedia.de)

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3 Gedanken zu „Der Sohn wird beerdigt, die Mutter spielt Computer

  1. Ernst Kalau

    Meine 95-jährige Mutter ist zwar zur Beerdigung meines Bruders (letale Flattulenz) erschienen, meinte dann aber „Wann gehen wir endlich ‚looten‘?“ Sie meinte den Leichenschmauß! Das ist schlimm, Sie sollten das ernst nehmen!!!

    Antwort
    1. hanneswurst Autor

      Ohne mich mit der Initiative näher befasst zu haben, kann ich nur schreiben, dass mir die „Fragen und Antworten“ kompetent verfasst vorkommen und mir die Aktion insgesamt sinnvoll erscheint. Die Rollenspielsucht hat noch eine besondere phänomenologische Komponente (ich konnte das vor ca. 10 Jahren mit „EverQuest“ aus erster Hand erfahren), die für eine solche Kampagne nicht unbedingt relevant ist. Es geht ja in erster Linie darum, dass Eltern Informationen erhalten, um eventuelle Probleme zu erkennen und allgemein ein Verständnis für das bekommen, was ihre Kinder da tun. Die Vorgabe eines Zeitbudgets und das Angebot einfacher Orientierungsmöglichkeiten sind an dieser Stelle angebracht.

      Irgendwann entscheiden die jungen Erwachsenen dann selber, wie viel Zeit und Aufmerksamkeit sie der virtuellen Welt schenken möchten. Ich bin der Meinung, das muss – genau wie beim Konsum anderer Drogen – jeder Erwachsene selber entscheiden. Manche Menschen können vielleicht „online“ ein besseres Leben führen als „offline“, auch wenn das vielen Menschen (noch) nicht „natürlich“ erscheint.

      Antwort

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