Zensur auf blog.handelsblatt.de

Auf Demokratie kann ich verzichten, ein gütiger Monarch wäre mir auch recht. Aber eines möchte ich nicht missen: meine Meinungsfreiheit und die Möglichkeit meine Meinung kundzutun. Dass die Persönlichkeitsrechte anderer davon nicht blank weg vermöbelt werden dürfen, kann ich gerade noch so verstehen.

Wer, wenn nicht die Journaille, erhebt mit Recht lautstark den Anspruch, Berichte und Kommentare zu veröffentlichen, die gerade auch einmal an die Schmerzgrenze derjenigen gehen, über die geschrieben wird. Umgekehrt habe ich schon oft vermutet, dass Leserbriefe nur veröffentlicht werden, wenn sie den Zwecken der jeweiligen Publikation genehm sind.

Heute migrieren die Medien in einen Full-Duplex-Betrieb, und das bedeutet wohl, dass der Nutzer seine Artikel schon bald nicht mehr abrufen, sondern interaktiv erchatten oder als Teilnehmer eines Twitterkonzerts die passenden Sätze selber mashen muss. Das ist für die Medien nicht ungünstig, weil die Nutzerschaft eigene Inhalte beisteuert und dieses Feedback das Produkt gratis belebt.

Blogs und Foren sind frühe Formen dieser gewandelten Medien. Kaum eine Website kommt noch ohne Derartiges aus (denken die Produktmanager). Es handelt sich dabei weitgehend um Derivate der prinzipiell immer noch überlegenen Newsgroups (siehe http://groups.google.com/). Bei Blogs ist lediglich der Fokus auf den Blogautor dazugekommen.

Typischerweise kann jeder anonym einen Blogeintrag kommentieren. Einige wenige Blogs arbeiten mit Freigaben, d. h. ein Kommentar wird erst gesichtet und nur dann veröffentlicht, wenn er für gut befunden wurde. Das hemmt die Kommentierfreudigkeit jedoch arg, und so verzichtet z. B. auch http://www.handelsblatt.com/weblog dankenswerterweise auf diese potentielle Dauerzensur die einer Fernsehübertragung mit 30 Sekunden Puffer ähnelt.

Was mir bei den Blogs von Knüwer und Endert jedoch aufgefallen ist: es wird gerne mal ein Kommentar (meist mit einigen Stunden Verzögerung) gelöscht. Wann würde ein Journalist – als immanenter Verfechter der Meinungsfreiheit – jemals einen Kommentar löschen? Nur, wenn ihm sonst ernste strafrechtliche Konsequenzen drohen, sollte man meinen. Das ist aber nicht so. Knüwer und Konsorten löschen auch auf ein leises Pochen ihres Journalistenegos hin.

Aktuelles Beispiel: unter anderem mit untenstehendem Kommentar habe ich mich an einem der eigentlich überflüssigen Beiträge im Endert Blog http://blog.handelsblatt.de/adhoc beteiligt:

Der Kommentar von 12:17h verschwand kurz Zeit später. Ich habe einen technischen Defekt vermutet und den Kommentar erneut gepostet:


Der Kommentar verschwand erneut. Ohne Begründung. Auf den Kommentar des Nutzer „SPONschbopp“ hin wurde das zugegeben:

Hier ist also ganz plump zensiert worden – ohne die Zensur auch nur zu erwähnen und ohne die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, nur bestimmte Ausdrücke zu löschen. Als Grund vermute ich, dass behauptet wurde, das Blog würde „fröhlich seine Herpesbläschen austreiben“ womit die teilweise grob unfundierten und mies geschriebenen Blogeinträge gemeint waren. Aber darf das eine Motivation dafür sein, einen Kommentar zu löschen?

Dass handelsblatt.com insgesamt nicht zimperlich ist, zeigen Knüwers Hasstiraden gegen Schäuble, der hier mit dem rollstuhlfahrenden, Führer-epileptischen Dr. Seltsam aus dem Kubrick-Film „Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben“ verglichen wird:

Ich find’s ekliger als die Herpesbläschen (ich frage mich immer, ob noch irgendeine andere Holtzbrinck-Publikation so einen Schrott veröffentlichen würde). Aber da ist vielleicht mein Anspruch zu hoch. Dass in diesem Umfeld jedoch Kommentare gelöscht werden, obwohl gerade Herr Endert an anderer Stelle die Meinungsfreiheit im Netz so hochhält, das lässt für mich nur die Schlussbemerkung zu: geht nach Hause, Leute. Ihr seid für dieses Medium absolut nicht reif.

(Herr Adamsky ist ebenfalls – leider eher geringfügig – am „adhoc“ Blog beteiligt, hat aber meines Wissens nach noch keinen Akt der Zensur walten lassen.)

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5 Gedanken zu „Zensur auf blog.handelsblatt.de

  1. hANNES wURST

    @karrierebibel: Ich habe Ostern genutzt, um über Ihren Kommentar nachzudenken, bin aber nicht dahinter gekommen.

    Antwort
  2. Sascha

    Wenn einmem gehäuft Geisterfahrer entgegen kommen sollte man selber einmal prüfen auf welcher Seite man fährt…

    Antwort

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