Was geht ab im Donezbecken?

Anteil der Bewohner der Ukraine, die Russisch als Muttersprache sprechen, nach Regionen (Volkszählung 2001)
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Donezbecken

Bei der Annexion der Krim an die russische Föderation kam ich mir in der deutschen Medienlandschaft unterinformiert vor. Speziell auch durch Medien, von denen ich eine hohe Objektivität erwarte, wie zum Beispiel der Tagesschau-Redaktion. Es wurde nicht berichtet, wie zufrieden oder unzufrieden die ca. zwei Millionen Einwohner der Halbinsel mit der Annexion – falls man sie als solche überhaupt bezeichnen kann – waren. Das Referendum über den Anschluss wurde als undemokratisch dargestellt, obwohl auch unabhängige Beobachter damit gerechnet hatten, dass die Einwohner mehrheitlich einen Anschluss wünschen. Nicht verwunderlich, da 77% der Einwohner im Jahre 2001 Russisch als Muttersprache angaben.

Statt dessen konzentrierten sich die Berichte auf die Person Putins, „Putinversteher“ wurde zum Schimpfwort, obwohl es nicht schaden könnte, Putin zu verstehen – was nicht automatisch bedeuten soll, dass Russland nicht gegen das Völkerrecht verstoßen hat.

Seit dem Eurmaidan 2013/14, bei dem die Ukrainer hauptsächlich ihrem Frust über die ausbleibende EU-Assoziierung Ausdruck verliehen, besteht ein ungelöster Konflikt im Osten der Ukraine, denn dort wohnen die Menschen, die sich Russland verbunden fühlen.

Außer der Tatsache, dass in einigen Landesteilen Russisch die mehrheitliche Muttersprache ist, trägt sicherlich auch bei, dass es Russland wirtschaftlich besser geht als der Ukraine: im Jahr 2020 betrug das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner über das Doppelte von dem, was in der Ukraine pro Einwohner erwirtschaftet wurde (Vergleich nach Kaufkraft). Damit liegt Russland auch vor dem EU-Mitglied Bulgarien, aber hinter dem EU-Mitglied Rumänien.

Ich erfahre nichts darüber, was in der Ostukraine wirklich passiert. Ist dort ein normales Leben noch möglich? Gibt es einen Schulbetrieb? Wünschen sich die Menschen mehrheitlich, dass dort das passiert, was auf der Krim passiert ist? Wäre das ohne kriegerische Auseinandersetzung möglich? Ist die ukrainische Regierung im Tausch gegen einen ungestörten Beitritt zu Nato und EU bereit, in Teilen der Ostukraine ein Referendum über den Anschluss an Russland zuzulassen?

Und was ist mit Russland, gibt es vielleicht noch andere Fragen als die nach dem Zeitpunkt einer Invasion? Ist eigentlich klar, was Russland bezweckt, eine Beendigung des schwelenden Bürgerkriegs in der Ostukraine vielleicht? Könnte das auch eine Chance für die Menschen dort sein? Oder geht es hier nur um ein nicht klar umrissenes Machtstreben Russlands?

Ich bin mir ganz sicher, dass viele gutinformierte Leute Antworten auf diese Fragen haben, aber diese Fragen werden in den westlichen Medien einfach nicht gestellt. Man verschanzt sich – wieder einmal – in einer gefühlten moralischen Hochburg.

Heiße Twitter-Tipps

Jeder, der nur zwei Gramm Hirn im Kopf hat weiß: Instagram, Twitter, TikTok: diese Dinge sind nur für Schwachköpfe. Anders als ein Blog, das eine Art Tagebuchersatz ist, in dem man finden kann was einen vor 10 Jahren interessiert hat auch wenn es sonst niemanden interessiert, sind die meisten anderen „Social Media“ Institutionen komplett sinnlos.

OK, TikTok setzt mancher vielleicht als YouTube Pendant ein und zieht sich gekonnt Informationen daraus. Für mich schwer vorstellbar, denn wenn ich TikTok einschalte kommen nur spektakuläre Autounfälle und Frauen im mittleren Alter die ein bescheuertes Tänzchen vorführen. Das mag aber an mir liegen, vielleicht auch an den Kontakten auf meinem Handy.

Facebook kann auch nützlich sein, wenn zum Beispiel die Lieblingskneipe nur dort veröffentlicht, wann Happy Hour ist.

Da ich aber eine neue Nebenbeschäftigung für den Toilettengang gesucht habe – nur für den Fall, dass ich schon alle aktuellen Tagesschau-Nachrichten usw. im Feedreader gelesen habe und keine Lust habe wieder gegen das Handy im Blitzschach zu verlieren – habe ich Twitter ausprobiert.

Was man wissen muss: wenn man jemandem auf Twitter folgt, dann erhält man auch dessen Kommentare oder auch nach mir unbekannten Kriterien ausgesuchte Tweets von anderen Twitterern (oder wie heißen die? Twanten?), das heißt wenn man, wie ich, Kevin Kühnert folgt, dann erhält man schnell auch das Dauergeschnattere von Margarete Stokowski. Wobei: Stokowski schreibt astreine Tweets, aber man erkennt schnell, dass Sie nervt, denn: Sie hat eingestellt, dass nur diejenigen Ihre Artikel kommentieren können, denen sie selber folgt.

Solche Leute gibt es nicht selten auf Twitter. Die meisten Menschen, die auf Twitter mit Klarnamen twittern, sind Autoren oder irgendwie Medienschaffende oder Unternehmer oder Politiker oder jedenfalls Leute, die sowieso im öffentlichen Leben vor allem eins wollen: wahrgenommen werden, um mehr Geld, Macht, Sex, Ego-Streicheleinheiten oder so etwas einzustreichen. Wenn solche Leute, die dann oft auch mehrmals am Tag ihren Senf abgeben, dazu noch hoheitlich darüber walten wer denn ihren Schmarrn kommentieren darf, kann ich nur sagen: entfolgen, und zwar sofort.

Insgesamt gibt es eine goldene Twitter Regel: nur Accounts folgen, die mit „el“ beginnen. Zum Beispiel Elon Musk, er (oder sein Twitter Team) ist wirklich sehr unterhaltsam, oder „El Hotzo“, er twittert auch lustiges Zeug, aber ich glaube er folgt Stokowski, dann hat man die wieder am Hals. Unter dem Strich ist Twitter selbst dann noch Zeitverschwendung, wenn man sowieso schon auf der Toilette sitzt.

Gütlich gendern

Hauptaufgabe des Genderns ist es, die Verallgemeinerung durch Verwendung des Maskulinums abzuschaffen. Beispiel: „Ein Arzt unterliegt der Schweigepflicht.“ Hier kann durch Aufführung beider Geschlechter gegendert werden, also: „Ein Arzt oder eine Ärztin unterliegen der Schweigepflicht.“ Anderes Beispiel: „Hochstapler sind unangenehme Bettgenossen.“ Hier bietet sich die Verwendung des Binnen-I an: „HochstaplerInnen sind unangenehme BettgenossInnen“.

Beides sind grammatikalische Hilfskonstruktionen, sie sind teilweise sperrig und werden uneinheitlich verwendet.

Ich schlage stattdessen vor, einer einfachen Konvention zu folgen: männliche Verfasser verwenden stets die maskuline Form und weibliche Verfasser die feminine. Auch umgekehrt ist das denkbar, es muss nur verabredet werden, und Autoren des 3. Geschlechts können beide Formen mischen. Da das biologische Geschlecht immer unwichtiger wird, könnte diese Regel weiter liberalisiert werden: fühle ich mich gerader feminin oder schreibe ich etwas im femininen Kontext, dann verwende ich im Text auch das Femininum. Und im anderen Fall das Maskulinum.

Im Durchschnitt sollte dies dazu führen, dass beide Formen ungefähr gleich häufig verwendet werden, womit der Emanzipation ohne Sprachverstümmelung Genüge getan würde.

Man kann einwenden, dass es dadurch schwierig wird, explizit verallgemeinernde Sätze zu bilden, die einen bestimmten Genus betreffen. Beispiel: „Politiker werden ihrer Mutterrolle selten gerecht.“ Es ist klar, dass hier „Politikerinnen“ gemeint sind, man sollte als Mann also nicht stumpf das Maskulinum bei jeder Verallgemeinerung verwenden, sondern darauf achten, ob ein bestimmtes Geschlecht gemeint ist.

Allerdings kommen solche Fälle selten vor, sie betreffen dann meist die biologischen Unterschiede von Mann und Frau, und diese werden – wie gesagt – immer unbedeutender.

Neuigkeiten aus der Impfgegner-Gegner-Gegner Szene

Ich bin froh, dass ich mich gegen das Coronavirus impfen lassen konnte. Ich bin Ü50 und habe weniger Angst davor, dass mir in 10 Jahren ein zweiter Kopf wächst, als davor, dass mich eine Coronainfektion niederstreckt.

Mir ist klar, dass eine (aus gegebenem Anlass) schnell auf den Markt gedrängte Impfung, die nach einem neuen Prinzip wirkt, ein Restrisiko für die Impflinge bedeutet. Mir ist nicht klar, warum darüber in Funk und Fernsehen geredet wurde, als die Impfung noch nicht in direkter Aussicht war, jetzt jedoch wird dieses Restrisiko schlichtweg verschwiegen.

Es ist ein bisschen so, als wäre die Atomkraft in Deutschland gerade eingeführt worden und die Möglichkeit der billigen Energieerzeugung versetzt die Republik in einen Rausch. Plötzlich will niemand mehr etwas von der sehr unwahrscheinlichen, aber (auch ohne Verschwörungen und böse Mächte) existierenden Möglichkeit eines Super-GAUs wissen. Atomkraftgegner werden in dieser Situation zu Querulanten erklärt – jedenfalls bis über die ersten Störfälle berichtet wird.

Bei der Nutzung der Atomkraft wurde also zum (vermeintlichen) Wohl aller ein Risiko auch für diejenigen in Kauf genommen, die sich vehement gegen dieses Risiko wehrten.

Auch damals gab es Atomkraftgegner unterschiedlichster Vehemenz und es gab auch die Leute mit „Wozu Atomkraft? Bei mir kommt der Strom aus der Steckdose.“ Aufklebern auf der Heckscheibe. Komisch, etwas Ähnliches habe ich bei Impfgegner-Gegnern („Wozu Impfen? Ich dusche jeden Morgen.“) noch nicht gesehen. Aber nach Online-Medien zu urteilen, ist die Toleranz gegenüber Impfgegnern noch kleiner als die damalige Toleranz gegenüber Atomkraftgegnern.

Es wird auch relativ häufig vor einer Spaltung der Gesellschaft in der Impffrage gewarnt, allein die Einsicht, dass dann eine Impfpflicht vielleicht der falsche Weg ist, wird daraus nicht gezogen.

Ich rufe auf zu Toleranz gegenüber Unentschlossenen, Verweigerern und Impfgegnern. Das Argument, dass wir nur dann alle glücklich werden, wenn die Impfgegner einlenken, ist wahrscheinlich Schwachsinn. Um die Intensivstationen frei zu bekommen, könnte man auch allen Menschen Alkohol, Tabak, falsche Ernährung und Risikosport verbieten. Oder im Notfall eben Testpflichten und einen Lockdown verhängen, das ist immer noch besser, als einen Teil der Gesellschaft aus opportunen, egoistischen Gründen auszugrenzen.

Die Katastrophe von 1998

Mir ist ziemlich Wurst, wer den nächsten Kanzler stellt. Tatsächlich weiß ich noch nicht, ob ich CDU, SPD, Grüne, FDP oder die LINKE wählen werde. Was mir im aktuellen Wahlkampf jedoch auffällt, ist der übertriebene Dauer-Unions-Abgesang in den Medien und dass sich scheinbar niemand an 1998 erinnert.

1998 stand ein CDU Kanzler nach 16 Jahren zur Abwahl, 2021 ist es eine CDU Kanzlerin nach 16 Jahren. Unterschied: die Kanzlerin tritt nicht mehr an, während sich Kohl – so war damals mein Eindruck – mehr oder weniger freiwillig abwählen ließ. Jedenfalls tat er so.

Es folgte ein Regierungsdebakel, „Superminister“ Lafontaine, das linke Herz der Partei, warf das Handtuch nach 142 Tagen im Amt und Schröder und Fischer beteiligten sich am ersten Kriegseinsatz nach 1945 – was die Grünen fast zerlegte. Das Oder-Hochwasser und seine Gummistiefel bescherten (so wird kolportiert) Schröder 2002 eine Wiederwahl. So konnte das Kabinett Schröder II bis zu den vorgezogenen Wahlen 2005 seine neoliberale Agenda 2010 durchziehen und den 2005 wegen Veruntreuung verurteilten Peter Hartz als Namensvetter der Hartz-IV-Arbeitsmarktreformen belobigen. Ein Witz der Geschichte, dass die Empfänger von Arbeitslosengeld II diesen sozialen Status immer noch als „als Hartz IV“ bezeichnen.

Ach ja, Rot-Grün hat auch die Nordstream-2 Pipeline initiiert, ich frage mich, was die Grünen damals überhaupt für die Umwelt getan haben, ich erinnere mich an nichts, aber mit dem Nordstream-2 Gas wird bald schon eine schöne Menge CO2 in die Atmosphäre gepumpt, das bisher in russischen Gesteinsschichten abgelagert war. Es ist nicht so, als hätte man 1998 noch nichts vom Klimawandel gewusst.

Insgesamt eine miserable Regierungsbilanz, dagegen waren 16 Merkel-Jahre eine Wohltat. Der Anteil an erneuerbaren Energien ist von knapp über 10% in 2005 auf knapp über 50% in 2020 gestiegen (wer mir nicht glaubt, glaubt vielleicht dem Fraunhofer-Institut: https://energy-charts.info/charts/renewable_share/chart.htm?l=de&c=DE&interval=year) Wirtschaftskrise überwunden, Flüchtlingskrise human angegangen, Atomausstieg eingeleitet – die Regierungsbilanz kann sich sehen lassen. Das Cannabis haben sie nicht legalisiert und natürlich hätte es 1000 Dinge gegeben die besser hätten laufen können, aber: es ist eben keine Riesendebakel dabei, wie 1998-2005.

Klar wünsche ich mir auch, dass nach einem Regierungswechsel die Republik ein bisschen fairer und trotzdem wirtschaftlich leistungsfähig wird, dass wir progressiver und liberaler werden, dass grüne Technologien florieren und sogar noch Arbeitsplätze schaffen, und dass Scholz und Baerbock Auslandseinsätze nur erwägen, wenn die Sicherheit Deutschlands oder eines NATO-Partners unmittelbar in Gefahr ist.

Allein, mir fehlt der Glaube. Ich bin alt und erinnere mich noch zu gut an 1998. Ich schätze, dass SPD und Grüne mein Kreuzchen dann doch nicht bekommen. Die LINKE kann ich noch nicht ausschließen. Zwar wäre sie Steigbügelhalter für Rot-Grün aber da kann die Partei ja nichts für. Vielleicht bekommt man bei der LINKEN das, was sie versprechen: kompromisslose Sozial- und Friedenspolitik.

1998 habe ich die Grünen gewählt und meine Erwartungen wurden absolut nicht erfüllt. Es ist eine Sache, politisch zu scheitern, es ist eine andere, sich für etwas wählen zu lassen, und diesen Prinzipien dann schlicht nicht zu folgen.

Update nach der Wahl: ich habe dann doch die Grünen gewählt. Nach der Wahl habe ich mich gefragt, wie ich je einen Deppenverein wie die Union loben konnte. Aber das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen. Da sich die Geschichte wiederholt, wird meine Freude über eine Ampelkoalition wahrscheinlich nur von kurzer Dauer sein.

Anleitung zu einem glücklichen Wahlabend

Eine Bundestagswahl birgt für jeden Wähler ein gewaltiges Frustrationspotential. Schlimm, wenn die eigene politische Richtung mehrheitlich nicht gewünscht ist. Noch schlimmer, wenn nach der Wahl ansteht, dass Personen, die man absolut nicht ausstehen kann, wichtige Ämter übernehmen, vielleicht sogar das Kanzleramt.

Ich habe in der Vergangenheit schwere Zeiten damit verbracht, mich an Politiker zu gewöhnen (Beispiel Guido Westerwelle) oder von ihnen enttäuscht zu werden (Beispiel Joschka Fischer). Hier zwei Artikel, die exemplarisch die Wandlung meiner Einstellung zu einem Politiker innerhalb von zwei Jahren dokumentieren:

Dr. Guido Westerwelle, Polit-Zombie und potentieller Außenminister

Die US-Comedy Serie „Curb Your Enthusiasm“ gehört zu meinen liebsten Unterhaltungen, und obwohl ich nach vier Staffeln dieser Serie komplett gegen Peinlichkeiten abgehärtet sein sollte, schafft Larry David es immer wieder, die Peinlichkeiten so zu modifizieren, dass ich kaum noch hingucken kann. In diesem Moment vollzieht sich eine wahrhafte Übertragung, und das Gefühl der Peinlichkeit […]

Guido Westerwelle – eine späte Würdigung

Als 1998 eine rot-grüne Regierung gebildet wurde und der etwas unbedarft aber nicht gefährlich wirkende Gerhard Schröder als Vizekanzler und Außenminister Joschka Fischer in sein Kabinett berief, war für mich als damaliger Grün-Wähler die Welt ganz in Ordnung. Ein Jahr später überredete Fischer seine inzwischen von der Macht korrumpierte Partei zum ersten deutschen Kriegseinsatz seit […]

Schon damals habe ich festgestellt, dass Demokratie Glückssache ist. Zu leicht irre ich mich in Partei und Person.

Einen Hoffnungsträger wie damals Joschka Fischer sehe ich heute nicht. Prinzipiell ist mir die Zusammensetzung der nächsten Bundesregierung ziemlich egal. Meine Zweitstimme wird wohl an die Linke gehen – ganz ausschließlich weil Sahra Wagenknecht die Landesliste in NRW anführt. Die Erststimme vielleicht für Thomas Jarzombek, CDU, er ist mir irgendwie sympathisch, hat mir auch schon einmal auf eine Mail geantwortet und wurde Bier trinkend auf der Ratinger Straße gesehen.

Schlimm wäre für mich Markus Söder als Kanzlerkandidat gewesen, ich habe eine ausgewachsene Aversion gegen diesen Menschen. Gut möglich, dass er 2025 ins Kanzleramt einzieht. Es ist deswegen für mich an der Zeit, die sehr sehr unangenehmen Gefühle zu bearbeiten, die mich beim Anblick Söders, beim Hören seiner Stimme oder nur seines Namens befallen. Dazu verwende ich eine Technik, die ich auch anderen Lesern empfehlen möchte.

Es handelt sich um eine Form der Selbsthypnose. Ich hatte eine ähnliche Aversion gegen Frauke Petry, damals AfD. Würgreize befielen mich, sobald ich Petry im Fernsehen erspähte. Ein Kotzreiz folgte, wenn ich sie reden hörte. Ich habe mir dann irgendwann angewöhnt mir vorzustellen, sie wäre eine Grünen-Politikerin. Das hat meine Aversionssymptome geheilt, auch ihr Aussehen kam mir plötzlich nicht mehr so abstoßend vor. Die Welt ist dadurch für mich ein bisschen heiler geworden, und meine Selbsttäuschung schadet auch nicht, weil ich sowieso nie die AfD wählen würde.

Das Problem bei Markus Söder ist, dass die Union erstens für mich nicht indiskutabel ist und dass ich mir zweitens Söder in keiner anderen Partei als in der CSU vorstellen kann. Deswegen greife ich zu einem anderen Trick: ich stelle mir vor, Söder wäre der Nikolaus. Das funktioniert auch, und wer mag nicht den Nikolaus. Und tatsächlich kommt er wohl eines Tages durch den Schornstein ins Haus.

Wer Annalena Baerbock nicht ertragen kann, der kann sich vorstellen, sie sei das Waisenmädchen aus dem Märchen „Die Sternthaler“. Bei Olaf Scholz könnte es helfen, sich vorzustellen, dass er ein ganz netter, harmloser und geistig minderbemittelter Mensch ist, der leise und langsam spricht um nicht unangenehm aufzufallen. Und Armin Laschet, das ist ja schon bekannt, ist einfach das rheinische Goldhähnchen.

Wahlabend ist in einem Monat. Ich wünsche allen Lesern viel Spaß aber auch viel Gelassenheit bei der Bundestagswahl 2021.

Wann platzt Armin Laschet endlich der Kragen?

Eigentlich kann es mir Recht sein, dass die Union in den Umfragen (auf die ich momentan allerdings keinen Pfifferling setzen würde) schwächelt. Was mich jedoch dabei anekelt, ist das Geunke von Markus Söder. Warum ist Söder nicht der Kanzlerkandidat? Weil die Entscheider in der Union wissen: der Mann kann sich präsentieren, aber nicht regieren. Als Kanzler wird er Regierung und Union zerlegen, wenn er es tatsächlich ins Amt schaffen würde.

Jetzt schießt er in einem fort gegen Laschet, natürlich ohne diesen beim Namen zu nennen, und die Presse nimmt dies allzu dankbar auf. Für Armin Laschet heißt es jetzt: Schluss mit der rheinischen Verbindlichkeit und klare Ansage zu Söder. Söder ist nicht im Team Laschet und das muss die CDU deutlich machen. Er sollte dabei auch nicht davor zurückschrecken, Söder als das zu benennen, was er ist: ein hinterfotziger Polit-Narzisst. Vielleicht kann Horst Seehofer ihm da als letzte gute Tat beispringen.

Alternative gründen „Alternative für Alternative für Deutschland“ (AfAfD)

Die Alternativen und ehemaligen APO-Mitglieder Erno Bärendsen (74) und Gudrun Schönfeld-Winkler (71) tun etwas gegen politische Alternativlosigkeit: „Die AfAfD soll politische Heimat sein für die, die vor allem eins nicht wollen: irgendwas mit AfD“ erklärt Schönfeld-Winkler. Warum dann nicht einfach die Linke wählen? Bärendsen: „Die Linkspartei hat unserer Analyse zufolge eine Schnittmenge von 40-50% mit der AfD, damit ist sie definitiv keine Alternative zur AfD. Nur bei der AfAfD kann der Wähler sich darauf verlassen, definitiv keine Inhalte aus dem AfD Wahlprogramm zu wählen.“

Da das Wahlprogramm der AfAfD tatsächlich komplementär zum AfD Wahlprogramm ist, sind die Forderungen der AfAfD meist drastisch. Dazu gehört eine Steuererhöhung um bis zu 100% und die Abschaffung von Polizei, Grenzschutz und Bundeswehr. „Wenn die AfD behauptet, dass der menschengemachte Klimawandel nicht existiert, behaupten wir, dass die AfD nicht existiert, nie existiert hat!“ lacht Schönfeld-Winkler. Schon jetzt wählen bis zu 90% der Bundesbürger die AfD nicht, ein überragender Sieg der AfAfD scheint sicher.